Die verlorene Zeit

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1. Kapitel
Auf dem Weg zur Bibliothek

(Abs.1)

Es war 7.00 Uhr an einem wunderbaren, sonnigen Montagmorgen. Paul hörte seinen Wecker klingeln, der ihn unsanft aus dem Schlaf riss. Sein erster Gedanke an diesem Morgen war, dass heute ein wichtiger Tag für ihn sei. Denn Paul Sommer, so heißt unsere Hauptfigur, durfte an diesem 22. Juni 2071 in der Zentralbibliothek seiner Heimatstadt München Originalquellen für seine Bachelor-Arbeit sichten. Dazu hatte er bereits vor 8 Wochen einen schriftlichen Antrag mit einer ausführlichen Begründung für die Notwendigkeit und die gesellschaftliche Relevanz des Themas sowie eine persönliche Unbedenklichkeitsbescheinigung seines betreuenden Professors eingereicht. Das klingt alles etwas hochtrabend, aber im Jahr 2071 konnte man nicht einfach in die Zentralbibliothek der Münchner Universität gehen und ein Buch im Lesesaal ausleihen. Da war schon ein Antrag mit triftigem Grund erforderlich. Bis die Bürokratie eine Genehmigung erteilte, konnten leicht ein paar Wochen vergehen. In der letzten Woche erhielt Paul seine Genehmigung und heute war der Termin.

(Abs.2)
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Er hatte also an diesem Morgen keine Zeit zu verlieren. Die Morgentoilette im Bad dauerte gerade einmal fünf Minuten. Zähne putzen, kämmen - das wars. Mit seinen 19 Jahren musste er auch noch nicht so viel Aufwand betreiben. Höchstens hin und wieder mal rasieren. Das genügte aber einmal in der Woche. Zum Glück, dachte sich Paul, denn das war nicht immer so. Er hatte von seinem Großvater gehört, dass Männer noch im 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehr viel Aufwand mit der Bartpflege betrieben und sich praktisch täglich rasierten bzw. den Bart in Form brachten. In Bayern wurden also nicht nur der Dialekt, sondern auch die verschiedensten Schnauzer und Vollbärte sorgsam gepflegt. Im oberpfälzischen Amberg gab es sogar in jedem Jahr eine Meisterschaft des Bart- und Schnauzerclubs. Wollte man in der Kategorie 'Schnauzer' gewinnen, mußte das gute Stück schon 25 cm auf jeder Seite aufweisen. Pauls Großvater hatte ihm einmal ein Foto mit einem solchen Sieger in einem alten Familienalbum gezeigt. Das war für ihn vor allem deshalb interessant, da es solche Alben mit eingeklebten Fotos schon seit etwa 30 Jahren nicht mehr gab. Aber ansonsten trauerte Paul dieser Zeit nicht nach. Zumindest nicht aus diesem Grund.

(Abs.3)
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Da das Wetter in diesen Junitagen sehr schön war, die Temperaturen lagen tagsüber zwischen 25 und 30 Grad, reichten zum Überziehen ein T-Shirt und die Jeans. Diese Art der Kleidung hatte es, genau wie die Bärte, auch schon früher gegeben. Entstanden waren die Hosen aus robustem Baumwollstoff, bei denen die Ecken der Hosentaschen mit Nieten verstärkt waren, als Arbeitskleidung der Goldgräber in Amerika. Ab 1950 entdeckten auch in Deutschland immer mehr Jugendliche diese Hosen unter dem Begriff Texashosen. Von den Eltern wurden sie als 'Symbole gewalttätiger Unreife und mutwilliger Herausforderung der Konventionen' betrachtet. Im östlichen Teil Deutschlands führten solche Hosen sogar zu Schulverweisen und Klubhausverboten. Heute waren Jeans, genau wie T-Shirts nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Diese Kleidungsstücke kamen aber nicht mehr als Billigprodukte aus den asiatischen Ländern. Es gab in Deutschland seit über 20 Jahren ein Gesetz, nach dem systemrelevate Dinge nur in Europa hergestellt werden durften. Eingeführt wurde diese Änderung nach der Aprilrevolution, um von Importen aus China, Indien und Bangladesch unabhängig zu sein. Vor allem im Gesundheitssektor wollte man so Engpässe bei ausbleibenden Lieferungen vermeiden. Allerdings hatte die Sache auch ihren Preis, denn es gab fortan keine Jeans mehr unter 250 Euro und ein T-Shirt kostete im Schnitt 90 Euro. Darauf stellte sich die umwelt- und demokratiebewußte Jugend aber sehr schnell ein. Denn es gab ebenfalls ein Gesetz, welches Eltern verpflichtete, ihren Kindern monatlich 450 Geldeinheiten zum Shoppen zu geben. Wer wenig verdiente, konnte diesen Betrag als Sozialbeitrag von den anderen Steuerzahlern beanspruchen. Böse Zungen behaupteten, dass dies zur Steigerung der Geburtenrate in Deutschland beigetragen hatte. Das stimmte aber nicht. Jedenfalls nicht für die, die schon länger hier lebten.

(Abs.4)
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Bei Paul stand jetzt das Frühstück auf dem Tisch. Viel Zeit dafür blieb an diesem Morgen nicht. Er bereitete sich einen großen Kräutertrunk aus getrockneter Kamille und Brennesseln, der mit biologisch vergorener Milch aufgegossen wurde. Früher hieß diese vergorene Milch einfach noch Joghurt, aber im Laufe der Zeit wurden teilweise die einfachsten Dinge mit komplizierten Namen versehen. Da man von einem solchen 'Drink' nicht richtig satt wurde, packte Paul noch zwei geröstete Insektenriegel als Brotzeit ein. Diese waren sehr proteinhaltig und so ließ es sich bis zum Mittag aushalten. Der Leser wird sich an dieser Stelle wundern, was das für seltsame Essgewohnheiten waren. Es sei ihm bereits hier verraten, dass sich die Ernährungsgewohnheiten, nicht nur in Bayern, in den vergangenen 20 Jahren stark zu dieser eher genusslosen Kalorienaufnahme gewandelt hatten. Wie man weiß, gab es ja früher gerade hier eher deftige Gerichte, wie Schwoansbrodn oder Schäufle mit Semmegnedl. Die Änderung der Essgewohheiten war die Folge von grundlegenden Veränderungen in der gesamten Gesellschaft, zu denen es nach der schon erwähnten Aprilrevolution kam.

(Abs.5)
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In den Jahren vor Pauls Geburt herrschten in den meisten europäischen Ländern marktwirtschaftliche Verhältnisse. Es gab eine gesellschaftliche Vielfalt, die von den demokratischen Kräften gesteuert wurde. Wissenschaft und Technik waren sehr weit entwickelt. Fast alle Menschen in Europa hatten Arbeit und es ging ihnen gut. In Deutschland gab es mehrere Volksparteien, die aus der progressiven rot, rot, grünen Jugendbewegung "Fridays for Future" hervorgegangen waren. Als Bundeskanzler wurde 2048 der damals beliebte Kinderbuchautor Roberto Haferbeck wiedergewählt. Bereits seit 12 Jahren hatte er das Amt inne und begann nun seine vierte Amtszeit. Er war in der Bevölkerung unter anderem deshalb so beliebt, da er sich nicht scheute, bei öffentlichen Auftritten völlig unrasiert und ungekämmt zu erscheinen. Gern stellte er auch seine kaputten Socken in den Birkenstocksandaletten ungeniert zur Schau. So ermutigte er viele junge Männer, maskulinen und anderen Geschlechts, ebenfalls nicht so viel Wert auf das Äußere zu legen und mit einem echten oder angemalten, ungepflegten 5-Tage Bart umherzulaufen. Es war zu der Zeit auch normal, dass die Jeanshosen, die ja trotz des robusten Stoffs durch die starke Belastung an den Knien gerne mal kaputt gingen, nicht geflickt wurden. Neue Hosen zerschnitt man in völlig ungetragenem Zustand sogar extra, oder verkaufte sie gleich mit den Löchern an den Knien. Natürlich für entsprechenden Aufpreis, denn das war ja Mode.

(Abs.6)
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An der Seite von Haferbeck waren Analena Knippling und Katja Baermann tätig, die beiden Frauen der ersten Stunde für alles Neue. Von ihnen stammte auch der Vorschlag, die elektrische Energie in den Leitungsnetzen zu speichern und den kleinen Kobolden in den Batterien zu übertragen. Damit lösten beide einen wichtigen Impuls für die anstehende Energiewende aus. Die beiden Expertenfrauen hatten nach dem Abitur zwar ein Studium der Politik begonnen und sogar mit einem Master abgeschlossen, was sie aber nicht davon abhielt, sich zu schwierigen technischen Vorgängen in völliger Ahnungslosigkeit zu Wort zu melden. Außerdem setzten sie sich in der realen Politik für die Erweiterung der Geschlechter ein und machten sogar die Einrichtung von 'Leer-Stühlen' für Gender an den Universitäten zur Pflicht. Und natürlich produzierten diese Gender-Lehrstühle im ganzen Land "Gender-Spezialisten" am laufenden Band. Also Tausende von jungen Leuten, die man eigentlich für die Arbeitslosigkeit ausbildete. Man erfand deshalb Anschlussverwendungen, die allerdings eindeutig in die Kategorie "künstliche Arbeitsbeschaffung" (nicht künstliche Intelligenz) einzuordnen waren. Deutlich schwerer hatten es da Bäcker, Metzger und alle anderen Handwerker. Sie fanden für ihre ehrbaren Berufe nämlich kaum noch geeigneten Nachwuchs. Viele gaben deshalb ihr Geschäft auf und die Gewerke verschwanden für immer vom Markt.

(Abs.7)
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Vermutlich hatte diese Vorbildwirkung auch dazu geführt, dass aus einigen benachteiligten Ländern, vor allem aus dem arabisch-afrikanischen Raum, die Menschen nach Europa kamen. Sie wollten in Deutschland auch die Möglichkeit der freien Wahl zum "Neutrum" oder "geschlechtslos" für sich nutzen und die Vorteile des Sozialsystems unbegrenzt genießen. Dafür nahmen sie viele Gefahren auf sich. Sie mieteten überladene Schlauchboote und ließen sich damit über das Mittelmeer treiben. Damit sie sich diese Ausgaben sparen konnten, charterten NGO's in Europa s.g. Carola Raketenboote und holten die Menschen direkt an den Küsten ihrer Heimatländer ab.
Aber genau das passte einigen undemokratischen Kräften nicht. Zuerst wollten sie mit ihrer neu gegründeten Partei den Euro als Zahlungsmittel abschaffen und die alte D-Mark wieder einführen. Die war zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr gültig, aber noch nicht ganz aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden, da man sie immer noch anstelle der Plastikchips am Einkaufswagen verwenden konnte. Nachdem die 'Unaussprechlichen' von etwa einem Viertel der Wähler in alle deutschen Parlamente gewählt waren, gaben sie vor, eine Alternative für Deutschland anzubieten. In Wahrheit erfanden sie FakeNews und verbreiteten Hetze im Internet. So gelang es ihnen, ihre rassistischen Gedanken, wie z.B. die Notwendigkeit der Bestrafung von staatlicher Steuerverschwendung oder die Sicherung der Grenzen und Einhaltung europäischer Abkommen, zu verbreiten. Dagegen ging der Staatsfunk konsequent vor und legte fest, welche Fakten wahr sind. Er führte sogar einen Faktencheck ein, der im Internet allen dagegen verstoßenden Artikeln einen fetten Stempel mit der Aufschrift "Fake" verpasste. So konnte jeder sofort den Wahrheitsgehalt eines Beitrags erkennen. Aber diese Kräfte, deren Namen man nicht ohne den Zusatz 'faschistisch' nannte, wollten einfach nicht aufgeben und öffneten die Büchse der Pandora. Sie verbreiteten ein in geheimen Laboren gezüchtetes Virus, welches sich rasend schnell in der ganzen Welt ausbreitete. Dieses Placebo-Virus löste bei den betroffenen Menschen eine erkältungsartige Erkrankung mit starkem Durchfall und Erbrechen aus, was zu wochenlangem Unwohlsein führte. In der Folge kam es vorübergehend zu großen Engpässen bei Hygieneartikeln wie z.B. Toilettenpapier und so entstand im Frühjahr 2051 eine länderübergreifende Pandemie. Übertragen wurde die Krankheit auch durch den übermäßigen Genuss von fett- und zuckerhaltigen Lebensmitteln. Allgemein ernährten sich zu dieser Zeit einfach zu viele Menschen sehr ungesund. Entgegen dem Rat der Gesundheitsexperten aßen sie zu viel, zu fett, tranken gerne Alkohol und hatten auch noch Spaß daran.

(Abs.8)
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Als sich die Pandemie immer stärker ausbreitete, mussten die Länder Europas dringend etwas unternehmen. In Deutschland gab der Kanzler Roberto Haferbeck innerhalb von zwei Wochen ein illustriertes Leseheft mit Verhaltensvorschriften heraus. Dieses ersetzte das ansonsten verbreitete Standorttracking über die Handyapps. So wurde ein großer Schritt getan, um das Virus zu besiegen. Unterstüzt wurde Haferbeck von den gebührenfinanzierten Staatsnachrichten. Hier machten sich zwei Moderatoren sehr verdient. Einer war der schon in die Jahre gekommene Claus Leim, die andere Person die immer recht streng schauende Mariella Slomkow. Durch die täglichen Aufrufe im Fernsehen wurden die Menschen zum richtigen Verhalten angeleitet. Aber auch die sozialen Medien leisteten durch allabendliches gemeinsames Singen und Musizieren tausender Menschen auf den Balkonen in ganz Europa ihren Beitrag. Eine weitere Maßnahme waren die landesweit verhängten Kontaktsperren. Die Menschen wurden angewiesen zu Hause zu bleiben und von dort aus zu arbeiten. Es entstand der Begriff des Homeoffice. Auch die Schulen schloss man für viele Wochen. Die Schüler bekamen täglich per Internet Aufgaben zum selbständigen bearbeiten. Dabei konnten auch die Eltern die geometrischen Sätze, wie den Satz vom Pythagoras, mal wieder auffrischen. Deshalb hieß das von da an Home-Schooling. Ein Problem trat am Ende der Kontaktsperren auf, als die Schulen wieder schrittweise öffnen durften. Für die meisten Bundesländer gab es bis zum Schuljahresende nicht mehr genügend Zeit, um die erforderlichen schriftlichen und mündlichen Leistungsnachweise, so heißen Noten im Amtsdeutsch, zu erbringen. Die Schüler wurden deshalb aufgefordert, einen Antrag zum freiwilligen Sitzenbleiben zu stellen. Schließlich waren die Schulen nicht verantwortlich dafür, wenn viele Schüler insgesamt gerade einmal zwei bis drei Noten pro Fach hatten. So konnte jedenfalls keine Benotung festgesetzt werden. Es gab große Schwierigkeiten, die Abschlussprüfungen im laufenden Schuljahr durchzuführen, da sich die Schül* nicht ausreichend auf die Prüfungen vorbereiten konnten. Die fast zehn bzw. zwölf davor liegenden Schuljahre reichten dafür auf jeden Fall nicht aus. Zunächst versuchte man aber dennoch, die Abschlussprüfungen mit den betroffenen Klassen unter besonderen Bedingungen zu organisieren. Die Schülerinnen und Schüler saßen in großen Räumen. Jeder an einem Tisch für sich allein. Der Abstand wurde so groß gewählt, dass ein Aufgabenaustausch nicht möglich war. In Bayern versprach der Kultusminister, dass die Korrektur der Aufgaben mit viel Nachsicht durchgeführt würde. In Sachsen-Anhalt befragten die Schulleiter die Schülerinnen und Schüler vor den Prüfungen, ob sich positive Schüler unter den Anwesenden befänden. Diese Möglichkeit nutzten findige Schüler und nach entsprechender Bestätigung ging der komplette Jahrgang für zwei Wochen in Quarantäne. So wurde dann schließlich doch bundesweit ein Placebo-Jahrgang verabschiedet. Das hieß, dass alle den Abschluss erfolgreich zugesprochen bekamen und gleichzeitig die Durchschnittsnoten auf den vorjährigen Wert angehoben wurden, damit es bei Studiengängen mit Zugangsbeschränkungen keine Benachteiligung gab.

(Abs.9)
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Im Rest der Gesellschaft konnten die Menschen gemeinsam Schritt für Schritt das Virus besiegen. Zu Ehren dieses großartigen Erfolgs verlieh man dem Wort "Virus" anstelle des unbestimmten Artikels den maskulinen Artikel, so dass ab sofort nur noch von "der Virus" statt von der alten lateinischen und medizinischen Bezeichnung "das Virus" gesprochen wurde. Auch unser Paul wusste sehr viel über diese Zeit aus der Schule und von den Erzählungen seiner Eltern und Großeltern. Selbst hatte er die Ereignisse ja nicht mehr erlebt.
An diesem heutigen Montag machte er sich mit dem Radl auf den Weg zur Zentralbibliothek. Um 8.00 Uhr sollte er sich bei der Einlasskontrolle zum Empfang der Lesebescheinigung melden. Bei einer Verspätung, auch nur um 10 Minuten, würde sein Termin verfallen. Deshalb durfte er nichts riskieren und so ging er auch nicht zu Fuß. Er fuhr von seiner Wohnunterkunft in der Türkenstraße 15 über die Merkel-Söder Straße auf die lange, breite Karl-Marx Allee, welche von Süden am Odeonsplatz in Richtung Norden bis zum ehemaligen Siegestor führte. Links und rechts waren die Gebäude schon für die große Freitagsdemo mit bunten Fahnen und Girlanden geschmückt. Diese Tradition ging aus den früheren "Fridays for Future" Veranstaltungen der Jugend hervor. Nach etlichen Jahren hatten sie es geschafft, dass sich alle Parteien den Forderungen der engagierten jungen Dame Greta Thunfisch aus Schweden anschlossen. Alle Betriebe und Behörden führten einen öffentlichen ökologischen Wettbewerb. Von den jeweiligen Siegern der Woche wurde nicht nur deren Bild an der Wandzeitung der Besten veröffentlicht, sie durften auch am Freitag während der Arbeitszeit an der Demoveranstaltung teilnehmen. Das anfängliche Problem mit dem Unterrichtsausfall für die teilnehmenden Schüler löste man ebenfalls genial, denn die Schulen nahmen mit allen Schülern, Lehrern, Sekretärinnen und Hausmeistern geschlossen am freitäglichen Demonstrationszug teil. Dabei führten sie selbst gebastelte Fähnchen und Wimpel mit sich. So entstand immer ein schönes, buntes, lebensfrohes Bild. Außerdem waren alle Lernenden unabhängig von Geschlecht oder Herkunft verpflichtet, ein Selfie oder irgend ein anderes Bild als Nachweis der Teilnahme an der Demo in ein Netzwerk für Bilderaustausch mit drei kurzen Zeilen über ihren Eindruck von der Versammlung zu stellen. So konnten die Schülerinnen und Schüler (und auch alle anderen Schül*) eine Menge voneinander lernen, so dass der Unterrichtsstoff allein schon dadurch gut abgesichert war.

(Abs.10)
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Während Paul sich auch schon auf die Freitagsdemo freute, war er fast an der Bibliothek angekommen. Der allgemeine Lesesaal lag am Geschwister-Scholl-Platz, etwa auf halber Strecke zum ehemaligen Siegestor. Paul kannte sich in München und dessen Geschichte gut aus. So wusste er z.B. dass die Karl-Marx Allee bis zur ökologischen Aprilrevolution 2050 noch Ludwigstraße hieß. Ludwig I. war der König des Königreichs Bayern. Er folgte seinem Vater Maximilian I. nach dessen Tod auf den bayerischen Thron. Mit der Novemberrevolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand der Freistaat Bayern und die Monarchie wurde abgeschafft. Danach entwickelte sich das Land unter kapitalistischen Verhältnissen vor allem wirtschaftlich, aber auch militärisch. Nach zwei großen Kriegen und einer anschließend relativ ruhig verlaufenden Phase kam es dann im April des Jahres 2050 zur bereits erwähnten Revolution. Mit der Namensgebung folgte man der Tradition, dass der Monat des Ausbruchs gewählt wurde. Wie bei der Oktoberrevolution in Russland, der Novemberrevolution in Deutschland - nun eben Aprilrevolution. Ausgangspunkt war der Freistaat Thüringen unter seinem alten kommunistischen Minderheitspräsidenten Baldo Rammeldo. Schon mehrfach hatte Rammeldo versucht, in ganz Deutschland wieder den Kommunismus einzuführen. Er stützte sich dabei auf die übrig gebliebenen Kämpfer für Frieden und Freiheit aus der ehemaligen DDR. Dort hatte es schon einmal von 1949 an, für 40 Jahre im östlichen Teil Deutschlands, ein kommunistisches System gegeben. Daneben existierte die BRD, in der die Marktwirtschaft die vorherrschende Wirtschaftsform war. Während es in der DDR einen Überfluss an Ideologie gab, entwickelte sich in der BRD der Konsum fast ungebremst und zerstörte dabei rücksichtslos die Umwelt. Letztlich setzte die BRD die Einheit Deutschlands laut Grundgesetz um, machte aber den Fehler, nicht sofort alle ideologischen Grundstrukturen der DDR zu übernehmen. So dauerte es viele Jahre, bis sich durch den geschickten Einsatz einer Frau als Bundeskanzlerin die Annäherung an die kommunistischen und linksgrünen Grundüberzeugungen vollzogen hatte. Baldo Rammeldo war es zu verdanken, dass die Umgestaltung dann doch relativ schnell gelang. Nach mehreren unglücklichen Wahlen setzte er durch, dass der Ausgang der Abstimmung zentral festgelegt wurde und ggf. von München aus rückgängig gemacht werden konnte.

(Abs.11)
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In den April-Tagen 2050 beherzigte man endlich auch die Lehren von Karl Marx und vor allem die Revolutionsanleitung des bolschewistischen Führers Vladimir Uljanow aus Russland. Lenin hatte seinerzeit die Besetzung aller Bahnhöfe und die Beschlagnahmung des öffentlichen Verkehrs gefordert. Deshalb wurde, übertragen auf die Neuzeit, der gesamte öffentliche Verkehr nur noch für elektrisch angetriebene Fahrzeuge gestattet. So konnte man den Strom zentral ein- und ausschalten. Auch die von Lenin geforderte Besetzung der Poststellen setzte man sinngemäß um, indem eine umfassende Steuerung und Kontrolle des Internets eingeführt wurde. Es gab eine zentrale Meldestelle, bei der jeder wahrheitsliebende Bürger rassistische Hetze und Hasskommentare melden konnte. Bei der großen Wirtschaftskrise ein Jahr später, nach der Placebo-Pandemie, rettete man entsprechend der Lehre von Karl Marx, alle Betriebe vor der Insolvenz, indem sie der Staat kaufte und durch Verstaatlichung das kommunistische Wirtschaftssystem wieder einführte. Deutschlandweit bildeten sich neue Länderparlamente, die vom demokratischen Einheitsblock der ökologischen Strömung getragen wurden. Bayern war eines der ersten Länder, das sich der Bewegung anschloss. Paul war stolz darauf, dass sich sein Heimatland zur führenden Kraft der Öko-Bewegung entwickelt hatte. München als Hauptstadt der ÖRD (Ökologische Republik Deutschland) war und ist dafür der sichtbare Beweis. Der Leser wird sich wundern, dass München jetzt die Hauptstadt war. Der Wechsel von Berlin nach München vollzog sich bereits im Jahr 2025. Nachdem die damalige Bundeskanzlerin abgedankt hatte, versuchte man dem Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern das Amt anzutragen. Der wäre zwar gern Bundeskanzler, wollte aber unter keinen Umständen von München nach Berlin wechseln. Da die alte Hauptstadt Berlin ohnehin wirtschaftlich total heruntergekommen war, wurde München kurzerhand zur neuen Hauptstadt erklärt. So brauchte Söder nicht sein Wort brechen und wurde trotzdem für eine Wahlperiode Kanzler . Um an diese Zeit zu erinnern, benannte man die Theresienstrasse in Merkel-Söder Strasse um. Dagegen stellte die Umbenennung der Ludwigstrasse in Karl-Marx Allee ein Zeugnis aus der Zeit von 2050 dar. Ebenso die Entfernung vieler alter Bauwerke, wie z.B. des ehemaligen Siegestores, gehörten dazu. Das Siegestor als architektonisches Gegenstück zur Feldherrnhalle war immer ein Symbol für den Sieg über das Frankreich Napoleons I. und somit dem europäischen Gedanken nicht gerade förderlich. Anders verhielt es sich bei der Feldherrnhalle. Da man sie anstelle des Wirtshauses "Bauerngirgl", des letzten Hauses vor dem Schwabinger Tor, errichtet hatte und sie den Übergang von der verkehrsbefreiten historischen Altstadt zur neuen Prachtstraße (Karl-Marx Allee) darstellte, wurde sie genau wie der angrenzende Odeonsplatz erhalten. Nur die Nutzung war jetzt eine völlig andere. Auf dem Odeonsplatz fanden jetzt die Freitagsdemos mit den wöchentlich ca. 10.000 Teilnehmern statt. Die Veranstalter der Demo und Repräsentanten aus der Staatsregierung nahmen dabei auf den Treppenstufen der Feldherrnhalle zur Begrüßung der Teilnehmer Aufstellung. Das ergab immer ein beeindruckendes Bild und demonstrierte die Stärke und Macht der neuen Zeit für jedermann.

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