Die verlorene Zeit

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2. Kapitel
Tag eins in der Zentralbibliothek

(Abs.1)

Noch ganz in Gedanken versunken erreichte Paul den Platz vor der Bibliothek. Er suchte sich eine freie Stelle im Fahrradhäusl, stellte sein Radl ab, sicherte es und begab sich zügig zum Eingang. Dort meldete er sich beim Einlassdienst. Unaufgefordert hielt er dem streng daher schauenden Mann hinter dem Schalter seinen Ausweis und die Genehmigung entgegen. Der fuhr ihn barsch an und sagte: "Immer langsam junger Mann. Sie sehen doch, dass ich erst die Kamera einrichten muss, um ein Foto für die Lesekarte zu machen. Stellen Sie sich also gerade hin und schauen in die Kamera!" Das erinnerte Paul unwillkürlich an das Begrüßungsritual zu seiner Grundschulzeit. Jeden Morgen mussten alle Schüler auf dem Hof vor dem Gebäude zum Appell antreten. Die Rektorin begrüßte sie kurz. Dann wurde die rot-rot-grüne Fahne gehisst und die Ökohymne gesungen. Anschließend stellten sich die Kinder vor dem Eingang in Zweierreihen auf, um von der Rektorin eingelassen zu werden. Dabei überprüfte sie die Anwesenheit und kontrollierte stichprobenartig bei einzelnen Schülern, ob die Hände gewaschen waren. Zur Begründung sagte man ihnen, dass dies der Vorbeugung vor schlimmen Krankheiten diene. Nicht alle Mitschüler waren in Deutschland geboren und der Anteil derer, die noch nicht länger hier lebten, war relativ hoch. Deshalb waren solche Hinweise sehr wichtig. Trotzdem hatte Paul bei dieser Kontrolle immer das Gefühl, dass die Mitschüler mit dunkel pikmentierter Hautfarbe, deren Handinnenflächen stets schmutzig schienen, hier klar im Vorteil waren.

(Abs.2)
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Schon bekam Paul seine Lesekarte, Nutzerordnung und eine eidesstattliche Erklärung zur Unterschrift überreicht. Dabei fiel ihm auf, dass er doch seinen Ausweis und die Genehmigung mit seinen persönlichen Daten wie Name, Geburtsdatum u.s.w. noch gar nicht abgegeben hatte und doch waren eben all diese Daten schon auf der Lesekarte ausgedruckt. Also verfügte die Bibliothek auch über dieses Personen-Erkennungs-System (PEST), wie es an Flughäfen und öffentlichen Plätzen mit großen Menschenansammlungen mittlerweile üblich war. Dieses PEST wurde nach der letzten Pandemie entwickelt. Man nutzte es z.B., um die Party- und Eventszene in den großen Städten wie Stuttgart und Frankfurt a.M. im Blick zu behalten. Denn wie heißt es in einem bekannten Lied: "Stuttgarter Partynächte sind lang, erst fang'se ganz langsam an, aber dann, aber dann ..." Nur mit Hilfe des PEST konnten die Hetzjagden auf Polizisten im Blick behalten werden. Achtung nicht verwechseln! Nicht Hetzjagden von Polizisten (das wäre ja rassistisch), sondern auf Polizisten. War das dann antirassistisch? Auch im Gesundheitssektor half PEST sehr, Kontakte von Personen und Verbreitungswege von Viren schneller erkennen zu können und gegebenenfalls zu isolieren. Entwickelt hatte man das System in den USA. Dort legte die Firma 'Allview' eine riesige Datenbank mit 3 Milliarden Bildern von Personen und den dazugehörigen Daten, wie Name, Alter, Wohnort, Beruf, gesellschaftliche Ansichten u.s.w. an. An die Bilder kam sie mithilfe von Facebook, YouTube und WhatsApp. Diese stellten ihr die Bilder mit den Daten per allgemeiner Nutzungsbedingungen zur Verfügung. 'Allview' machte daraus eine komplette Gesichtserkennungs-App und verkaufte sie dann ihrerseits an über 6000 Polizei- und Strafverfolgungsbehörden. Auch deutsche Polizeibeamte sahen einen großen Nutzen in der App. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete von einem Fall, bei dem die Polizei in Halle dank der App einen Terroristen innerhalb von 20 Minuten fassen konnte. Dieser hatte beim überfall auf eine Synagoge einen Mann in einem Dönerladen brutal erschossen. Ein Zeuge hatte das gefilmt. Erkannt wurde der Täter von der App in einem Social-Media-Video. Die Polizei selbst führte den Mann bisher nicht in ihrer Datenbank. Natürlich diente die App nicht nur der Verbrechensbekämfpung. Es ließ sich auch gutes Geld damit verdienen. Der Deutsche Peter Thiel, PayPal-Mitbegründer und Facebook-Investor, hatte 'Allview' im Jahr 2050 mit 200.000 Dollar unterstützt. Dafür bekam er Anteile am Unternehmen und konnte sich über hohe Dividenden freuen, als die Firma 2051 an der Börse notiert wurde. Leider dauerte die flächendeckende Einführung des Systems in Deutschland noch einige Jahre. Sie scheiterte lange an der Uneinsichtigkeit von führenden Informatikexperten wegen der angeblich nicht gewährleisteten Datensicherheit. Der Hamburger Chaos-Computer-Club wies nach eigenen Aussagen angeblich nach, dass man damit Bewegungsprofile der gesamten Bevölkerung erstellen könne. Dabei wusste doch jeder Mensch, dass dies mit den Trackingapps der Mobilfunktelefone gemacht wird, um Einbrüche und Diebstähle aufzudecken.

(Abs.3)
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Paul wollte jetzt aber seine Arbeit in der Bibliothek beginnen. Ein Blick auf die Nutzerordnung zeigte ihm, dass es hier ebenfalls sehr strigent zuging. Da standen unzählige Dinge, die er beim Aufenthalt in der Bibliothek alle beachten musste. Nachdem er sie kurz überflogen hatte, war ihm klar, dass es sich um eine Ansammlung von strengsten Vorschriften handelte. Er konnte sich gut vorstellen, dass er den Tag wohl alleine in einem gesicherten Raum verbringen würde. Dabei wollte er doch nur erlaubte Quellen aus den Jahren 2035 bis 2050 für das Thema seiner Bachelor-Arbeit einsehen. Diese beschäftigte sich mit Umweltfragen. Der Titel seiner Arbeit lautete:
"Die Geschichte des Ökologischen Fußabdrucks unter Berücksichtigung von Umweltindikatoren und der Einfluss auf eine nachhaltige Entwicklung."
In den 40er Jahren gab es einen starken Impuls in der Umweltbewegung und der Begriff des Ökologischen Fußabdrucks entstand. Dieser Ecological Footprint besagte, wie viele Hektar Wald, Weideland, Ackerland und Meeresfläche nötig sind, um die verbrauchten Ressourcen zu erneuern und die entstandenen Abfallprodukte zu absorbieren. Er sollte dadurch einen Vergleich der Auswirkungen des menschlichen Konsums mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen der Erde ermöglichen. Das Konsumverhalten der Weltbevölkerung verursachte damals nach den entsprechenden Veröfftlichungen ein Defizit, was bedeutete, dass die Menschheit zur Kompensation 1,7 Erden benötigen würde. Dabei waren die Fußabdrücke der Westeuropäischen Länder meist durch den Naturverbrauch überdurchschnittlich hoch, während er in den Entwicklungsländern pro Person noch sehr gering war. Aber die dortige Bevölkerung vermehrte sich so stark, dass ihr Gesamtverbrauch an Ressourcen ebenfalls sehr stark anstieg. Paul hatte davon gehört, dass die Abholzung der Regenwaldgebiete am Amazonas die Bilanz sehr negativ beeinflusste. Auch deutsche Ökoaktivisten forderten von Brasilien, keine Rodungen mehr durchzuführen, um den Anbau von landwirtschaftlichen Produkten voranzutreiben. Dabei war Paul bei ersten Studien auf einen Beitrag gestoßen, der zeigte, dass in Mitteleuropa früher genau nach dem selben Prinzip vorgegangen wurde. Nur eben ein paar hundert Jahre früher. Eine erste Periode intensiver Waldrodung lag in keltischer Zeit. Das hing mit der Ausbreitung der Landwirtschaft und der Metallverhüttung zusammen. Eingriffe fanden zuerst durch den direkten Siedlungsbau statt; es folgte dann die Rodung für Ackerbau und Weideland. Die Holzentnahme für Feuerung führte dann um die Siedlungsbereiche herum zur weiteren Ausdünnung der natürlichen Bestände. In der Nähe von Erzabbaugebieten wurden vermutlich große Buchenbestände gefällt, da Feuer aus Buchenholzkohle zur Bearbeitung des Metalls notwendig war. Auch in Bayern deuten noch viele Ortsnamen auf die Rodungen diese Zeit hin. Wenn man eine Reise quer durchs Land macht, wird man beim Anblick von Städtenamen so manches Mal seinen Augen nicht trauen. Unterwegs im Auto sieht man auch Ortsschilder, die nicht gerade jugendfrei klingen. Oder würden Sie ihren Kindern nicht am liebsten die Augen zuhalten, wenn Sie durch Möse, Sexau oder Fickmühlen fahren? Auch Poppendorf, Poppenreuth und Wixhausen sollten Sie dann lieber meiden. Sicher denkt mancher Leser jetzt, dass der Autor sich hier schmutzige Dinge ausgedacht hat. Nein, diese Orte gibt es alle wirklich! Und die Namensherkunft ist für gewöhnlich völlig harmlos. Für alle geplagten "Poppenreuther" z.B. hier eine Deutung für ihren Ort. In einer Quelle fand sich der Hinweis, dass der Name "Poppo" früher als Rufname sehr gebräuchlich war und da die Namensendung "reuth" in Bayern sehr viele Orte tragen und soviel wie "Rodung" bedeutet, heißt "Poppenreuth" dann wohl "Die Rodung des Poppo". Da kann sich auch Ursulapoppenricht in der Oberpfalz freuen. Wahrscheinlich hat die Ursula einen Poppo geheiratet und beide haben eine "Siedlung des Poppo auf gerodetem Land" errichtet. Es gibt aber auch Orte, deren Name nichts unanständiges an sich hat, in denen man aber trotzdem nicht wohnen möchte. So z.B. Sargmühle ein Ortsteil von Hirschau in der Nähe von Amberg (wir erinnern uns an die langen Bärte) oder Plöd im Landkreis Rosenheim. Ganz gleich, welchen Familiennamen man hatte, für die Nachbarn war man einfach ein Plödler - der Plödler-Franz oder die Plödler-Anni. Darüber hatte sich Paul immer ein wenig amüsiert und gleichzeitig gefreut, dass er kein 'Plöder' war. Klar war auch, dass diese Sachverhalte wohl keinen Eingang in seine Abschlussarbeit finden würden. Pauls Professor hatte sich schon dazu geäußert, dass er so etwas auf keinen Fall lesen wolle, es sei denn, dadurch könnte der Klimawandel aufgehalten werden. Mit etlichem anderen Unsinn hatte man das ja auch schon versucht.
Bevor Paul seinen Arbeitsplatz aufsuchen konnte, musste er noch die Erklärung unterschreiben. Darin verpflichtete er sich, keine unerlaubten Abschriften von den Dokumenten der Bibliothek anzufertigen, die Inhalte nicht an unberechtigte Personen weiterzuleiten und Stillschweigen zu bewahren. Diese Erklärung würde an den Staatlichen-Sicherheits-Dienst (StaSiDi) weitergeleitet, denn der war für die Einhaltung der Vorschriften zuständig. Es existierten dazu viele kleine Informationszellen im Freundes- und Familienkreis, die aber untereinander keine Kenntnis von der Tätigkeit im 'Verein' hatten. Man wählte einfach eine kostenfreie Telefonnummer und sagte das Stichwort 'Verein'. Sofort leitete das 'System' die betreffende Person an ihren Führungsoffizier weiter. Der sammelte dann sämtliche Informationen und wertete sie auch entsprechend aus. Das gehörte zu den ganz normalen Dingen, die auch Paul kannte, aber natürlich mit niemandem darüber sprach. Schließlich war ja auch jede Wahl geheim und man sprach nicht darüber, bei welcher Partei man sein Kreuz gemacht hatte.

(Abs.4)
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Nachdem Paul alle Vorbereitungen erledigt hatte und die Sachen im Schließfach verstaut waren, wurde er von einem Mitarbeiter der Bibliothek durch einen langen Gang bis zu seinem Leseraum begleitet. Da er heute das erste Mal hier war, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Auf dem Flur gab es viele Türen, wie auf einem Gefängnisgang. Ob sich hinter all den Türen Leseräume befanden und was lasen die Menschen da? Gab es so viele Ereignisse aus der Vergangenheit zu erforschen? Womöglich gar Geheimnisse? Als Paul den fensterlosen Leseraum betrat, fiel ihm die spärliche Einrichtung auf. In der Mitte stand ein großer Tisch, davor ein komfortabler Bürostuhl. Über dem Tisch leuchtete eine tief nach unten gezogene Lampe, ähnlich wie man sie von Billardtischen kannte. Die Wände waren kahl. Nur in einem hässlichen Grauton gestrichen und keine Bilder zur Dekoration. So hatte sich Paul immer eine Arrestzelle vorgestellt. Gerade als er sich hingesetzt hatte, bemerkte Paul, dass die Tür hinter im geschlossen wurde und er hörte, wie sich der Schüssel im Schloss drehte. Da lief ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken. Hoffentlich kam er hier am Ende des Tages wieder heraus. Bei einem hastigen Blick zur Tür sah er aber mit Erleichterung eine Klingel. Daneben hing ein Schild mit der Aufschrift: "Zum Verlassen des Raumes bitte hier klingeln!" Es blieb noch die Frage, woher Paul nun seine Quellen zum Lesen bekam. Kaum hatte er daran gedacht, hörte er eine angenehme, weibliche Stimme von einem kleinen Lautsprecher aus Richtung der Lampe. Paul stand auf und wollte sich das etwas genauer ansehen. Sofort sagte die Stimme ziemlich bestimmend: "Sie können sich ruhig wieder hinsetzen! Legen Sie die Leseanforderung mit den bestellten Quellen auf den Tisch. Ich werde ihnen das Material dann sofort zukommen lassen." Da war ihm klar, dass wohl auch seine Notizen, die er sich beim Studium der Quellen zur weiteren Bearbeitung der Bachelorarbeit anfertigen würde, nicht nur auf seinem Schreibblock 'landen' würden. Es kam ihm ein lustiger Gedanke. Ob es wohl ohne die Klingel zu benutzen möglich wäre, mal zur Toilette zu gehen? Eine kurze Notiz auf dem Schreibblock - "Ich muss mal" - könnte darüber Gewissheit bringen. Aber ehe Paul weiter über derlei absurde Dinge nachdenken konnte, öffnete sich die Klappe eines Wandsafes. Den hatte Paul bisher gar nicht bemerkt. Die Stimme aus dem Lautsprecher sagte: "Entnehmen Sie bitte die Dokumente." Als wenn Paul mit seinem Gegenüber sprechen würde, antwortete er brav: "Vielen Dank."
Bei einem ersten Blick auf das Material verschaffte sich Paul einen Überblick, welche Dokumente er bekommen hatte. Oben auf lag eine Veröffentlichung des Bayerischen Umweltamtes zum Thema "Ökologischer Fußabdruck" unter Mitwirkung der Universität Augsburg, Lehrstuhl für Didaktik der Geografie von 2036. Da es in den 2070er Jahren nicht mehr so einfach war, solche Originale zu bekommen, war Paul schon sehr neugierig und begann sofort mit dem Lesen. Aus der Angabe Lehrstuhl für Didaktik der Geografie entnahm er, dass der Autor in der Lehrerausbildung arbeitete und er erhoffte sich Antworten auf einige Fragen, die er sich schon als Schüler gestellt hatte. So konnte er sich z.B. noch gut erinnern, dass es von der 1. bis 6. Klasse in der Schule immer einen Sammelwettbewerb für Flaschen, Gläser, Altpapier und Plastik gegeben hatte. Alle Kinder beteiligten sich sehr eifrig daran. Paul erreichte stets vordere Plätze und war fest überzeugt, dass er damit zur Einsparung von wertvollen Rohstoffen beitragen konnte. Wahrscheinlich entwickelte sich bereits damals seine positive Einstellung gegenüber Umweltfragen. Einen Widerspruch hatte Paul allerdings immer empfunden. Auf den jährlichen Urlaubsreisen mit seinen Eltern in wärmere, südliche Länder stellte er nämlich fest, dass es dort riesige Mülldeponien mit viel Plastik gab. Große Planierraupen fuhren oben auf den Bergen und pressten den Müll zusammen. An einigen Stellen brannte es und ein beißender Gestank verpestete die gesamte Umgebung. Dazwischen liefen die Menschen umher und versuchten, einzelne brauchbare Teile zu finden. Diese verkauften sie dann auf dem Wochenmarkt, um sich Geld zu verdienen. Die übrig gebliebenen Gegenstände warfen sie einfach ins Meer. Auf die Frage an seine Eltern: "Warum machen die das?", kam dann immer die Antwort, dass wir dafür verantwortlich seien. Das ergab nach Pauls Vorstellung zwar keinen Sinn, machte ihn aber erst recht kritisch gegenüber dem, was ihm gesagt wurde und dem, was er mit eigenen Augen sah. Deshalb hatte er sich auch schon an sogenannten "World Cleanup Weeks" beteiligt. Mehrmals im Jahr trafen sich tausende Jugendliche, um in den besonders vom Müll geplagten Ländern Afrikas und Asiens Säuberungsaktionen durchzuführen. Sie trafen sich in großen Jugendcamps, ähnlich den früheren Ferien- oder Pfadfinderlagern und hatten eine erlebnisreiche Zeit. Täglich rückten sie mit ihren Gruppen aus und sammelten an zugewiesenen Stellen Plastikmüll, Flaschen und anderen Unrat ein. Spontan wurden sie dabei sogar häufig von Urlaubern unterstützt, die sie beobachtet hatten. Diese reinigten so gleich ihr schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen in den armen Ländern, welche die Aktionen meist nur staunend verfolgten. Da der gesammelte Müll nicht im Flugzeug mit nach Hause genommen wurde, um ihn dort zu recyceln oder ordentlich zu entsorgen, brachte das alles insgesamt keine wesentliche Verbesserung der Situation. Der Müll landete meist einfach wieder auf einer der bereits erwähnten Deponien und wurde so dem Kreislauf wieder zugeführt.

(Abs.5)
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Jetzt las Paul im Leseraum der Zentralbibliothek interessiert die Ausführungen über die Geschichte sowie die Methodik des ökologischen Fussabdrucks. Er machte sich einige Notizen wie z.B.
"Die maximale Biokapazität der Erde bildet eine natürliche Grenze für das Wachstum der Weltbevölkerung und den Konsum der Menschen. Auf dieser Grundlage orientiert sich die Nachhaltigkeitsbewertung des Ökologischen Fußabdrucks an der Tragfähigkeitsgrenze der Erde selbst. Das ist ein Vorteil gegenüber anderen Nachhaltigkeitsindikatoren, die sich zumeist an regionalen oder politisch-wirtschaftlichen Vorgaben orientieren.
Die Biokapazität und die Größe des Ökologischen Fußabdrucks werden in 'globalen Hektar (gha)' angegeben (englisch: global hectare). Der globale Hektar berücksichtigt, dass die verschiedenen produktiven Flächenkategorien der Erde pro Hektar unterschiedlich viel Energie und Rohstoffe produzieren können. Der globale Hektar ist der Durchschnittswert; er beschreibt die weltweit durchschnittliche biologische Produktivität pro Hektar. "

(Abs.6)
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Da der durchschnittliche Ökologische Fußabdruck der Weltbevölkerung bereits im Jahr 2036 mit 3,2 gha die Biokapazität der Erde mit lediglich 1,8 gha überstieg, resultierte daraus ein globales ökologisches Defizit von über 40%, wie in der Quelle behauptet wurde. Dabei ging Paul immer davon aus, dass die "Fridays for Future" Bewegung schon vor etwa 40 Jahren entscheidende Fortschritte bei der Erhaltung der Umwelt durch die erneuerbaren Energien errungen hätte. Jedenfalls war ihm das so in der Schule vermittelt worden. Wenn es also bei der Umsetzung der Ziele immer noch einen gewissen Nachholebedarf gab, dann hätte sich das ja auch auf andere Gebiete ausgewirkt. Paul erinnerte sich wieder an Dinge, die ihm sein Großvater früher erzählte. Nach seinen Aussagen erlebte der nämlich in den Jahren, nachdem man in Deutschland die Kohle- und Kernkraftwerke abgeschaltet hatte, eine starke Knappheit an elektrischer Energie. Man hatte den Menschen klar gemacht, dass die Kraftwerke nicht sicher waren und die Umwelt zerstörten. Deutschland wollte auf diesem Gebiet Vorreiter für die ganze Welt sein. Nachdem bei einem Erdbeben in Japan ein Kernkraftwerk beschädigt wurde, beschloss man in Deutschland alle Kernkraftwerke stillzulegen. Die Notwendigkeit begründete eine grüne Politikerin damit, dass durch die Kernkraft 16.000 Menschen in Japan ums Leben gekommen seien. Dabei verschwieg sie aber, dass die Menschen durch die Fluten des Seebebens und den dadurch ausgelösten Tsunami mit seiner ungeheueren Naturgewalt starben. Niemand starb an frei gesetzter Kernstrahlung, wie etwa im Jahr 1986 im russischen Tschernobyl. Dort kam es zum größten Atomunfall in der Geschichte, nachdem die Bedienmannschaft in der Nacht des 26. April einen Test startete. Dabei geriet der Block 4 außer Kontrolle. Die Leistung erhöhte sich immer weiter, die Notabschaltung versagte, die Kettenreaktion nahm rasend schnell zu, wegen der enormen Hitze bildete sich Knallgas. Um 1:23 Uhr explodierte der Reaktor. Sein hochradioaktiver Kern brannte und begann zu schmelzen, die Katastrophe nahm ihren Lauf. Es kam zum Super-GAU von Tschernobyl. Doch davon erfuhr die Welt erst mal nichts. Erst nach der Entdeckung radioaktiver Partikel im 1100 km entfernten Schweden erfuhr die Welt von der Katastrophe. Obwohl wenig über das Ausmaß des Unfalls bekannt war, gab sich die Regierung in Deutschland gelassen. In einem Fernsehinterview erklärte der damalige Innenminister, dass eine Gefährdung der deutschen Bevölkerung "absolut auszuschließen" sei. Es gebe keinen Anlass zu handeln. Eine Gefahr bestünde nur im Umkreis von 30 bis 50 Kilometern rund um den Reaktor. Die DDR-Bürger erfuhren zunächst überhaupt nur aus dem Westfernsehen von dem Unfall. Erst am 29. April erschien eine erste kurze Meldung in der Zeitung. Am 2. Mai stand im "Neuen Deutschland": "Es bestand und besteht keinerlei Gefährdung für die Gesundheit der Bürger unseres Staates und für die Natur". Dabei hatten die meisten DDR-Bürger aus den West-Medien längst andere Informationen bezogen. Sie waren ebenso verunsichert, wie die Menschen im Westen und wunderten sich auch über das reiche Angebot an Obst und Gemüse in den Regalen der DDR-Kaufhallen. Konnten sie doch nicht wissen, dass es eigentlich für den Export in die Bundesrepublik vorgesehen war und dort keine Abnehmer mehr fand. Aber man ließ die DDR-Bürger nicht nur das eventuell verstrahlte Obst und Gemüse essen. Die Regierung gab statt Grenzwerten einfach Richtwerte aus, bei deren Einhaltung laut Amt für Atomsicherheit "mit Sicherheit keine unmittelbaren gesundheitlichen Schäden" zu befürchten waren. Sie lagen bei Kuhmilch z.B. bei 500 Becquerel, bei Blattgemüse 1.000 Becquerel und damit deutlich höher als in der Bundesrepublik mit 250 Becquerel. Empfehlungen, Kinder nicht im Freien spielen zu lassen oder Freizeitanlagen zu schließen, gab es keine. Auch wenn es sich bei dem Atomunglück im Unterschied zu der Placebo-Pandemie im Jahre 2051 um eine technische Katastrophe handelte, ähnelte das Verhalten der Politiker in Ost und West doch sehr stark dem bei der Pandemie. Es zeigten sich viele Parallelen, bei den drei bekannten "V" (nicht den drei Fragezeichen) - verharmlosen, verschweigen und verschleppen.

(Abs.7)
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Aber zurück zu den Kraftwerken. Auch die Kohlekraftwerke standen im Ruf, durch ihren CO2 Ausstoß der Umwelt zu schaden. Deshalb nahm man auch diese lieber vom Netz, anstatt sie zu modernisieren. Sogar gerade erst fertiggestellte Kohlekraftwerke mit modernen Filteranlagen durften nicht mehr in Betrieb genommen werden. Wo sollte nun aber der Strom für die Industrie und die Privathaushalte herkommen? Schon seit längerem hatte man sich am Vorbild der holländischen Windmühlen orientiert. Natürlich wollte man mit den neuen Windkraftanlagen kein Korn mahlen, sondern Strom erzeugen. Aber genau wie die Windmühlen bei Windstille kein Korn mahlen konnten, wurde von den Windkraftanlagen bei Windstille auch kein Strom erzeugt. Oder der Wind wehte sehr kräftig, wenn gerade wenig Strom gebraucht wurde, z.B. in der Nacht. Bei zu starkem Wind mussten die Windkraftanlagen aus Sicherheitsgründen zeitweise abgeschaltet werden, genau wie es die Müller in Holland schon seit Jahrhunderten taten. Ein weiteres Problem war mit der Nutzung der Windkraft verbunden. Bei den Windmühlen brachten bekanntlich die Bauern das Korn zur Mühle, damit es der Müller mahlen konnte. Von den Windkraftanlagen musste der Strom zu den Abnehmern gelangen, damit sie ihn technisch nutzen konnten. Die meisten Windkraftanlagen befanden sich im Norden von Deutschland, weil dort die Windverhältnisse einigermaßen stabil waren. Es wurde also ein riesiges Leitungsnetz gebraucht, um den Strom vom Norden in den Süden zu transportieren. Dagegen gab es aber viele Widerstände, denn die Menschen hatten Angst, unter den Starkstromleitungen oder über den unterirdischen Stromtrassen zu leben.
Als weitere Möglichkeit sah man die Nutzung der Sonnenenergie zur Stromgewinnung. Hier orientierten sich die Planer an südlichen Ländern, in denen die Sonnenintensität sehr hoch war. Da der Einfallswinkel der Sonnenstrahlung in Deutschland aber nicht das ganze Jahr groß genug ist, um eine Photovoltaikanlage mit hohem Wirkungsgrad zu betreiben, wurden die Anlagen in hoher Anzahl und sehr groß gebaut. Das bedeutete einen riesigen Flächenverbrauch. Im Winter standen die Anlagen dann ungenutzt in der Landschaft umher, da sie keinen oder nur sehr wenig Strom erzeugten.
In der Summe reichte der Strom aus den Windkraft- und Solaranlagen trotzdem oft nicht einmal für alle Industrieanlagen. In der Folge wurden die einfach vom Netz getrennt. Die privaten Haushalte stellten eigene Photovoltaikanlagen auf den Dächern und in den Gärten auf, damit sie wenigstens tagsüber elektrische Energie zur Verfügung hatten. Obwohl die Wissenschaftler intensiv forschten, gelang es ihnen nicht, das neue Bärbocksche Gesetz, in die Praxisanwendung zu überführen. Dieses Gesetz besagte, dass Energie, sofort nach ihrer Erschaffung in den Leitungsnetzen gespeichert werden kann. Das Problem dabei war die Phasenverschiebung in der Relevanz der Kopplungen, so dass die Spannung abrupt auf Null fiel und der Strom nicht in Bewegung kam. Pauls Großvater hatte sich dann immer mit einer Kerze beholfen, aber befriedigt hatte ihn das nicht.

(Abs.8)
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Paul kam der Gedanke, dass dadurch evtl. auch die Wasserverschmutzung in vielen Teilen der Erde bedingt war, was wiederum die Ausbreitung von Krankheiten begünstigte. Auch in Deutschland war es ja 2051 zur Verbreitung eines neuartigen Virus gekommen und es entstand daraus eine weltweite Pandemie. Dieses als Placebo-Pandemie bekannte Ereignis hatte seinen Ursprungsort wahrscheinlich in geheimen Laboren in Asien. Weil Deutschland schon seit langem fast alle seine Waren in China fertigte oder fertigen ließ, konnte das Virus sehr schnell nach Deutschland und ganz Europa gelangen. Zuerst wurde es in einer Firma "Autos für Deutschland" (AFD) in Bayern durch den Flügel der bösen Partei freigesetzt. Von dort nahm es seinen schnellen Lauf durchs ganze Land. Begünstigend kam hinzu, dass Deutschland auf dem Strassen-, Schienen- und Luftweg keine Grenzen mehr hatte, so dass die ungehinderte Einreise für jedermann, also auch das Virus, kein Problem war. Das geschah im Februar 2051. In dieser Zeit feierten die Menschen in Deutschland gerade überall den Karneval bzw. Fasching und in Bayern wurde beim Derblecken (derblecken auch derbleck'n oder dablecka, ist ein bayerischer Begriff, der "jemanden aufs Korn nehmen" bedeutet) dem Starkbier zugesprochen. Dabei hatte man keine Zeit, sich um ein unbekanntes Virus zu kümmern.

(Abs.9)
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Als es in China zu einer vermehrten Infektion mit einer hohen Mortalität (von lat. mortalitas "Sterblichkeit") kam und eine ganze Region um die Stadt Wuhan mit 50 Millionen Einwohnern komplett abgesperrt wurde, meldete sich der deutsche Gesundheitsminister Spuhl und verkündete, dass Deutschland nichts zu befürchten brauche, da es gut auf eine evtl. Ausbreitung vorbereitet sei. Allerdings empfahl er, auf Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern zu verzichten. Eine klare Festlegung traf er erwartungsgemäß nicht. Der deutsche Aussenminister ließ als Zeichen der Solidarität umgehend 6 Tonnen Schutzkleidung und Atemmasken aus den deutschen Reservebeständen nach China fliegen.
Als es im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW im Landkreis Heinsberg zu einem sprunghaften Anstieg von Erkrankungen und Totesfällen kam, bekämpfte man das Virus mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Welche waren das? Keine. Denn es gab bisher weder ein Medikament zur Behandlung noch eine Schutzimpfung. Also blieb nur das Mittel der Quarantäne für die infizierten Personen. Hektisch zog man alle Experten, welche die Bezeichnung Virologe in der Berufsbezeichnung führten, zu Rate. Jedes Bundesland bildete einen Expertenrat mit Vertretern aus Medizin, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft, Philosophie, Soziologie und Sozialarbeit. Eine derartige Konzentration von Professoren hatte man bis dahin noch nicht erlebt. Nun vertraten diese Expertengremien natürlich sehr unterschiedliche Meinungen zum Umgang mit dem Virus. Als Begründung beriefen sie sich auf den in der Wissenschaft üblichen wissenschaftlichen Diskurs. Der Bedeutung dieses Begriffs entsprechend, nämlich - hin und her gehendes Gespräch - kamen dabei keine Festlegungen zustande. Dabei hätte man sich einfach an der spanischen Grippe gegen Ende des 1. Weltkrieges um 1918 orientieren können. Dieses Grippevirus war ebenso neu und unbekannt wie das jetzige Placebo-Virus. Die wichtigsten Erkenntnisse aus der damaligen Pandemie waren:
Nur eine frühstmögliche Verhinderung der Virusausbreitung konnte den Krankheitsverlauf eindämmen. Als Maßnahmen verhängten einige Städte, vor allem Großstädte in den USA, strikte Ausgangsverbote, Schul- und Geschäftsschließungen sowie die Einstellung des Bus- und U-Bahnverkehrs. Andere Städte handelten nicht so schnell und mußten als Folge eine wesentlich höhere Steblichkeitsrate durch die Krankheit verzeichnen.
Weltweit versuchte man unterschiedlich mit der Krankheit umzugehen. Allein die verschiedenen Bezeichnungen zeigten dies. In der deutschen Presse durfte z.B. nicht über Erkrankungen an der Front berichtet werden. Bei zivilen Opfern sprach man von "Blitzkatarrh" oder "Lungenpest". In Frankreich war es "maladie onze" (Krankheit elf) und in Italien bezeichnete man die Krankheit als "Sandfliegen Fieber". Bis zum Ende der Pandemie im Jahr 1920 forderte die Krankheit in den USA ca. 675.000, in Deutschland 300.000, in Indien zwischen 17 und 20 Millionen und weltweit ca. 27 - 50 Millionen Todesopfer. Diese Zahlen machen deutlich, dass bei einer ähnlich drohenden Gefahr ein sehr schnelles Handeln erforderlich war.

(Abs.10)
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Schließlich machten sich die deutschen Experten anhand eines vorhandenen 80-seitigen Pandemiegutachtens, welches der Bundestag im Jahr 2045 in Auftrag gegeben hatte, ein Bild über die Lage. Schon in diesem Gutachten stellte man fest, dass die Voraussetzungen zur Abwehr und Überwindung einer Pandemie im Hinblick auf die medizinische, soziale und wirtschaftliche Vorbereitung nicht gewährleistet waren. Die Szenarien wurden in dem Bericht anhand eines Coronavirus durchexerziert und mögliche Lösungsvorschläge für die Beratung im Bundestag gegeben. Maßnahmen zur Vorbereitung auf einen solchen Fall durch den Bundestag sind nicht bekannt. Oder besser: Bekannt ist, dass sich die Parteien der Koalition nicht darauf einigen konnten und das Gutachten deshalb beiseite legten. Im Ergebnis ihres wissenschaftlichen Diskurses folgerten die Experten als neue wissenschaftliche Erkenntnis, dass die einzige Methode zur Bekämpfung des Virus eine zeitliche Streckung und die damit verbundene Verlangsamung des Anstiegs der Infektionen wäre. Gestützt auf diesen Expertenrat riefen die Politiker die Menschen im Land zur absoluten Kontaktvermeidung auf. Der Gesundheitsminister sagte, dass unter seiner Leitung alles getan werde, um das Virus zurückzudrängen. Doch die Menschen zeigten sich zunächst uneinsichtig und begannen mit Hamstereinkäufen. Sie genossen ihre scheinbar letzten Wochen mit Freunden in Restaurants und Bars. Bei schönem Wetter besuchten sie sogar massenhaft den Englischen Garten in München und verbreiteten so das Virus. Andererseits wurde aber auch versucht, mit ungeeigneten Methoden gegen das Virus vorzugehen. So z.B. die Bewohner in einer Berliner Asylunterkunft, in der es ebenfalls Infizierte gab. Innerhalb weniger Tage legten sie mehrfach Feuer in den Wohnunterkünften, um das Ungeziefer auszuräuchern. Da Feuerwehr und Polizei das Heim daraufhin evakuierten, spuckten sie die Beamten an. In der Folge mussten 42 Beamte in Quarantäne geschickt werden, wie die Berliner Zeitung berichtete.

(Abs.11)
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Das alles war bekannt und Paul wurde schon beim Gedanken daran regelrecht schlecht. Da es mittlerweile aber sowieso schon früher Nachmittag geworden war, beschloss er für heute aufzuhören. Er schrieb auf seinen Notizblock den Stichpunkt: "Morgen die Tageszeitung 'Münchner Merkur' von Februar - Juli 2051 zum Studium anfordern." Da sagte die Stimme aus dem Lautsprecher: "O.K. Die werde ich für morgen bestellen. Seien Sie pünktlich um 8.00 Uhr wieder hier. Ich wünsche ihnen einen schönen Nachmittag. Vielleicht sehen wir uns ja noch im Englischen Garten."

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