Die verlorene Zeit

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4. Kapitel
Wer oder was ist Alexa

(Abs.1)

Paul saß also nach seinen Erledigungen im Biergarten am Chinesischen Turm. Im Sommer traf sich München hier mit dem Rest der Welt. Mitten im Englischen Garten gelegen, hatte der 7000 Plätze große Biergarten am Chinesischen Turm alles, was ein echter Münchner Biergarten brauchte: Gutes Essen, süffiges Hofbräu-Bier und eine Extraportion G'mütlichkeit. Es dauerte gar nicht lange, da sah Paul die Blondine von gestern. Die Surferin, die Stimme aus dem Lautsprecher - Frau Okon. Sie kam direkt auf seinen Tisch zu und sagte: "Na, haben sie eingekauft und die Wäsche aus der Reinigung abgeholt?" Das war der Beweis. Vor ihm stand tatsächlich Frau Okon. Er fragte etwas verlegen zurück: "Wie kommen Sie darauf, Frau Okon?" Darauf antwortete Sie: "Ich heiße nicht Okon. Nenn mich einfach Alexa und sag du." Und schon setzte sie sich auf den Platz neben ihn. Paul war sichtlich erstaunt und wußte gar nicht, was er sagen sollte. Er hatte zwar schon einige Bekanntschaften mit jungen Damen geschlossen, aber so schnell war es sonst nicht gegangen. Alexa setzte das Gespräch gleich fort und sagte, dass er für sie auch eine 'Halbe' bestellen könne. Paul berichtigte, dass es hier nur 'a Mass' gebe, worauf Alexa sagte: "O.k., dass muss ich mal in den Einstellungen ändern." Mit dieser Bemerkung konnte Paul nichts anfangen, aber er wollte die Unterhaltung nicht gleich durch eine dumme Rückfrage zerstören. Stattdessen sagte er: "Du heißt also Alexa. Ein schöner Name. Wie die Stimme aus dem Amazon Lautsprecher." Darauf antwortete die hübsche Blonde, das sie nicht nur Alexa heiße, sondern Alexa sei. Paul erwiderte, dass ihm ihr Humor gefiel und sie ihm das doch bitte mal erklären solle.

(Abs.2)
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Alexa lächelte und sagte er könne gerne einen Test machen. Sicher kenne er doch das Amazon-Spiel 'Akinator', bei dem man sich eine Person überlegt und diese niemandem mitteilt. Alexa stellt dann zielgerichtet Frage, die nur mit 'ja' oder 'nein' beantwortet werden. Aus den Antworten und dem Inhalt aller weltweiten Datenbanken kann Alexa die Person erraten. Alexa erklärte Paul sogar, dass sie bei kleinen Zeitdehnungen in der Datenübertragung einfach Sätze wie "Du bringst mich an meine Grenzen." oder "Oh, ich bin mir fast sicher." zur Überbrückung einfügt. Sie schlug vor, dass Paul jetzt hier im Biergarten mit ihr das Spiel ausprobieren könne, er müsse nur sagen: "Alexa, spiele Akinator!" Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Er dachte sich eine Person aus, die seine schöne, neue Bekanntschaft wirklich nicht kennen konnte. (Der Name sei hier nur dem Leser mitgeteilt, damit er das Spiel von Paul und Alexa verfolgen kann. Es war Frau Dr. Angela Merkel, die frühere Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland von 2005 bis 2021.) Das Spiel begann:
Alexa: "Ist die gesuchte Person männlich?"
Paul: "Nein"
Alexa: "Kennt man sie aus Film und Fernsehen?"
Paul: "Ja" (Schließlich wurde das Leben von Frau ...mhmhmh nach deren Tod verfilmt.)
Alexa: "Hat die Person lustige Rollen gespielt?"
Paul: "Nein"
Alexa: "Oh, du bringst mich an meine Grenzen. War die Person auch in der Poitik tätig?"
Paul: "Ja"
Alexa: "Hat die Person gesagt - Ich bin ein Berliner."
Paul: "Nein"
Alexa: "Hat die Person jemals einen anderen wichtigen Satz gesagt?"
Paul: "Nein"
Alexa: "War das - Ich bin schwul und das ist gut so, weil wir das schaffen?"
Paul: "Weiß nicht"
Alexa: "Antworte bitte mit ja oder nein."
Paul: "Ja"
Alexa: "Ich vermute, es handelt sich um Angela Merkel. Habe ich Recht?"
Paul: "Ja"
Alexa: "Habe ich es doch wieder einmal geschafft. Frau Dr. Angela Merkel war die erste Frau als Bundeskanzlerin. Als bedeutendste Leistung von ihr gilt die Einführung der Raute zwischen den beiden sich berührenden Daumen und den übrigen vier Fingern der rechten und linken Hand. Sie wird seither angewandt, wenn man nichts zu sagen hat, aber dem Gegenüber Zuneigung ausdrücken will."

(Abs.3)
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"Na gut, das war doch nicht so schwer zu erraten", sagte Paul, "Aber ich wüßte gern, nach welchem Suchalgorithmus du vorgehst. Ich bin nämlich auch nicht dumm." Alexa sagte zu Paul, dass ihr das schon aufgefallen sei. Sie hatte nämlich bereits in der Bibliothek einen Widerspruch bemerkt, der ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Nach ihrer Kenntnis war es nicht üblich, dass ein 19-Jähriger bereits an seiner Bachelor-Arbeit schreibt. Das konnte Paul leicht erklären. Er hatte nämlich einen IQ von 140 und in der Schule bereits dreimal eine Klassenstufe übersprungen. So legte er bereits mit 15 Jahren das Abitur ab und stand nun vor dem Abschluss seines Studiums. Außerdem interessierte er sich sehr für angewandte Informatik und wollte nach dem Bachelor-Abschluss eine Spezialisierung in Umweltinformatik anschließen. Deshalb hatte er das Thema für seine Arbeit bereits jetzt so gewählt, dass eine Erweiterung mit kybernetischen Modellierungen in autonomen Systemen möglich ist.

(Abs.4)
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Paul und Alexa hatten ihr gemeinsames Thema gefunden, zu dem sie sich bis spät in den Abend hinein unterhielten. Von Alexa erfuhr Paul, dass diese etwas älter war, als er, für ihn aber kein Problem, und ebenfalls ein infomationstechnisches Studium abgeschlossen hatte. Sie sprach davon, dass sie einen Auftrag hätte, um ein wichtiges Problem unserer Gesellschaft mit negativen Auswirkungen auf das Raum-Zeit-Kontinuum zu lösen. Das könnte sie Paul aber erst genauer erklären, wenn sie sich noch etwas besser kennengelernt hätten. In der Bibliothek konnte sich Alexa gestern und heute ein erstes Bild von Paul machen und er hatte ihr gut gefallen. "Was ich noch nicht gesehen habe, kannst du mir ja nachher bei dir zu Hause zeigen", sagte sie ohne jeden Umschweif und gerade heraus. Für Paul hörte sich das alles wie aus einer anderen Welt an. Er hatte noch keine Person getroffen, die auf der einen Seite schön und klug war und auf der anderen Seite die ganze Welt 'retten' wollte. Überhaupt, was gab es denn zu retten? Alles war doch gut, so wie es war. Wenigstens hatte sich der letzte Satz recht normal angehört. Aus diesen Worten entnahm er, dass er morgen früh evtl. zwei Kräuterdrinks aus getrockneter Kamille und Brennesseln zubereiten würde. Er war sich aber nicht sicher, ob seiner neuen Bekanntschaft das schmeckt. Deshalb fragte er sicherheitshalber: "Magst du am Morgen Drinks mit getrockneten Kräutern in vergorener Milch?" Alexa antwortete mit 'ja', denn schließlich hätten ihre Leute das ja so eingeführt. Wieder so ein Satz, mit dem Paul nichts anfangen konnte, aber jetzt konzentrierten sich seine Gedanken erst mal auf das, was da noch kommen könnte. Paul und Alexa gingen vom Englischen Garten über die breite, hell erleuchtete Karl-Marx Allee zu seiner Unterkunft in der Türkenstrasse 15. Dort hatte er eine kleine 2-Zimmerwohnung, direkt über einem Laden.

(Abs.5)
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Nach einem leckeren alkoholfreien Essig-Gurkl Absacker, solche Getränke waren üblich, legten sich Paul und Alexa zur Nacht. Da er für den nächsten Tag keinen Termin in der Zentralbibliothek hatte, verabredeten die beiden, dass Alexa ihm am Vormittag von ihrem Auftrag erzählen würde. Damit im Zusammenhang stand auch ihre Bitte, dass es vorerst noch nicht zu körperlichen Annäherungen (der Leser versteht) kommen könne. Das akzeptierte Paul, denn er war mittlerweile doch sehr neugierig geworden, was er von Alexa erfahren würde und was das vor allem mit seiner Bachelor-Arbeit zu tun hätte.
Im Traum spielte Paul noch einmal Akinator. Er war der Meinung, dass es gar nicht so schwer sein dürfte, mit einer gewissen Anzahl von Fragen eine bestimmte Person zu erraten. Schon in der Schule war auch er mit einem Rechentrick aufgetreten. Dabei gab er vor, mit höchstens 7 Fragen eine Zahl seines Gegenübers zwischen 1 und 100 zu erraten. Der Mitspieler musste als Antwort auch immer nur 'ja' oder 'nein' sagen. Nehmen wir an, der Mitspieler hatte sich die Zahl 66 gemerkt. Wenn Paul dann fragte:" Liegt die Zahl zwischen 0 und 51?" und als Antwort kam 'nein', dann lag sie halt zwischen 51 und 100. Als nächstes fragte der Spielführer dann z.B. "Ist die Zahl kleiner als 75?" Bei der Antwort 'ja', war jetzt klar, das als gesuchte Zahl, alle zwischen 51 und 74 in Frage kommen. So konnte man sich durch ständiges Halbieren des Bereichs, immer mit höchstens sieben mal fragen, der gesuchten Zahl annähern. Der Mitspieler bemerkte dabei meist gar nicht, dass dahinter dieses einfache Prinzip der Intervallhalbierung steckte, wie es bei der Lösung vieler mathematischer Probleme genutzt wurde. Er nahm vielmehr an, dass bei 100 verschiedenen Zahlen 7 mal fragen nicht reichen könnten, außer man würde die Zahl durch Zufall erraten.

(Abs.6)
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Ein ähnliches Prinzip vermutete Paul auch hinter Alexas Akinator. Er konnte ja nicht wissen, dass Alexa genau wie Google bei seinen Suchanfragen, welche die Menschen täglich millionenfach stellten, eine Unmenge an Informationen speicherte und durch algorithmisches Kombinieren zu neuen Inhalten zusammenfügte. Dadurch entstanden z.T. Antwortvorschläge, schon bevor die Frage ganz zu Ende gestellt war. Jeder kannte zwar mittlerweile den Begriff 'künstliche Intelligenz' (KI), aber was da eigentlich passierte, darüber machte sich kaum jemand Gedanken. Paul freute sich sogar im Traum, wie interessant es doch war, wenn Alexa über Umweltfragen und den Wochentag Freitag sehr schnell Greta Thunfisch erraten konnte oder wie sie nach einem Fehlversuch, bei dem sie auf 'Adolf Hitler' getippt hatte, als nächstes sofort 'Björn Höcke' sagte und damit richtig lag.

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