Die verlorene Zeit

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7. Kapitel
Die verlorene Zeit

(Abs.1)

Heute am Tag vier würde es sicherlich interessant werden. Es war Donnerstag und natürlich hatte der Wecker pünktlich um 7.00 Uhr geklingelt. In Gedanken summte Paul 'I got you babe' vor sich hin. Er war schon sehr gespannt, wie der Zugang zum Archiv der verlorenen Zeit aussah. Würde er sich gar gemeinsam mit Alexa in die andere 'Welt', also nüchtern formuliert Ebene 1, beamen. Er konnte es kaum erwarten. Alexa sagte zu Paul, dass sie noch einmal in die Zentralbibliothek gehen werden. "Aha, steht dort ein Beamer?", lautete die Frage von Paul. Alexa antwortete: "Natürlich. Fast in jedem Raum gibt es dort einen Beamer. Aber den brauchen wir gar nicht, denn ich hab uns bereits zum Lesen des Archivs angemeldet. Warte ab."
Als die beiden bei der Eingangskontrolle der Zentralbibliothek ankamen, hielt ihnen der Mann hinter dem Schalter schon die Lesekarten entgegen. Er wünschte einen schönen guten Morgen und ließ sie sofort ins Innere. Heute gab es auch keine Begleitung, die sie in den abgesperrten Raum brachte. Paul und Alexa suchten sich einfach einen Platz im großen Lesesaal. An jedem Platz gab es einen PC, um die gewünschte Literatur anzufordern. Dazu musste man aus einem riesigen elektronischen Register die Internationale Standardbuchnummer (ISBN) heraussuchen und eingeben. Über ein ausgeklügeltes Rohrpostsystem gelangte das angeforderte Material dann aus dem Archiv zur Ausgabe in den Lesesaal. Um das gleich mal auszuprobieren forderte Alexa Paul auf, ein beliebiges Buch, eine Zeitschrift oder eine Veröffentlichung zu irgend einem Thema einzutippen, die ISBN abzulesen und zu bestätigen. Er entschied sich für den 'Neuen Tag', eine Zeitung aus der nördlichen Oberpfalz. Pauls Großvater hatte ihm erzählt, dass er als Kind dort oft bei seinen Großeltern in Windischeschenbach die Ferien verbracht hatte. Von ihm hatte er gehört, dass es dort eine lustige Kapelle unter dem Namen 'Altneuhauser Feierwehrkapelln' gab. Die trat jedes Jahr in der Faschingszeit mit lustigen Beiträgen auf, in denen sie die bayerische, aber auch die Weltpolitik, aufs Korn nahm. Einmal sangen sie beim Frankenfasching in Veitshöchheim ein Lied über die Gattin des französischen Präsidenten Macron mit dem Titel: Brigitte, du bist die aller schärfte Schnitte mitten in Paris...". Dafür wären sie fast mit einem Auftrittsverbot beim Bayerischen Rundfunk bestraft worden. Nur die große Bekannt- und Beliebheit der Kapelle verhinderte das. Die Kapelle hatte ihren Stammsitz in einer Gastwirtschaft in Neuhaus, einem Ortsteil von Windischeschenbach. Dort wurde Kommunbraubier ausgeschenkt. In der Gegend gab es zahlreiche dieser Wirtschaften mit diesem Bier. Es war bei den Einheimischen sehr beliebt und nannte sich 'Zoigl'. Der(!) Zoigl hatte als Symbol zwei gegeneinander stehende Dreiecke, die wie ein Sechszack aussahen. Die Ecken symbolisierten die drei am Brauen beteiligten Elemente Feuer, Wasser und Luft sowie die im Mittelalter bekannten Zutaten Wasser, Hopfen und Malz. Die Bedeutung der Hefe bei der Gärung war damals noch nicht bekannt, sie wurde allgemein nur als "Zeug" bezeichnet. Durch die Ähnlichkeit dieses Sterns zu einem Symbol aus der dunklen Zeit Deutschlands war man im Rahmen der PC der Meinung, dass dies abgeändert gehörte. Da sich die Kapelle beim Fasching 2020 auch dazu wieder äußerte und den Zoiglstern als Anzeiger an den Häusern der Wirtschaften verteitigte, bekam sie sofort 'gepfefferten Widerspruch' in Form eines Auftrittverbotes. Das hatte ihm der Großvater erzählt und nun wollte Paul einmal einen Originalbericht darüber lesen.

(Abs.2)
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Nachdem er mit Hilfe des PC die ISBN herausgesucht und bestätigt hatte, ging er zur Ausgabe. Dort erhielt er eine gebundene Monatsausgabe der Zeitung in Buchform, mit der er an seinen Platz zurückkehrte. Alexa erwartete ihn schon. Paul konnte bei einem ersten Blick auf die Exemplare der einzelnen Tage nichts besonderes feststellen und fragte Alexa, wo denn nun das Archiv mit der 'verlorenen Zeit' sei. Die zeigte ihm einen USB-Stick, den sie aus ihrer Tasche zog und an einen Anschluss am Buchrücken steckte. Der war Paul zuvor gar nicht aufgefallen. Plötzlich bemerkte er, wie sich das Layout der Zeitungsseiten veränderte. Einige Artikel verschwanden. Dafür erschienen an anderen Stellen, welche vorher nur mit Fotos von Natur- und Tiermotiven gefüllt waren, neue Beiträge. Alexa sagte zu Paul: "Erinnerst du dich, wie Biff aus dem Film 'Zurück in die Zukunft' die Funktion der Zeitmaschine erkannte und die Vergangenheit zu seinen Gunsten änderte? Marty und Doc Brown reisten deshalb zurück ins Jahr 1955, wo sie Biffs Änderungen rückgängig machten. Als das geschafft war, veränderten sich auch die Berichte über die Ereignisse aus diesen Jahren. So ähnlich ist das hier jetzt auch. Wir können nun alle Artikel sehen, die es im Original gab". Gemeinsam begannen sie nach dem genannten Beitrag zu schauen.

(Abs.3)
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Als erstes fiel Paul ein Beitrag auf, in dem geschrieben wurde, dass die 'Altneuhauser' in diesem Jahr wieder bravourös beim Frankenfasching aufgetreten sind. Ihr Motto war:


"Wer in Deutschland etwas auf sich hält,
der kommt als Bayer auf die Welt,
und die mit dem meisten Grips und Schmalz,
die kommen aus der Oberpfalz!"

Sie machten auch Anspielungen mit: "Ist das Niveau der Kapelle auch ein Graus, so einfach fliegt hier niemand raus." Kein Wort über ein Auftrittsverbot. Da hatte also die böse Falle der FakeNews wieder einmal zugeschlagen und sich über mehrere Generationen gehalten.
Ein anderer Artikel im Zusammenhang mit dem Fasching fiel Paul ebenfalls sofort ins Auge. Es ging um ein Starkbierfest in einem Ort, ebenfalls in der nördlichen Oberpfalz. Wie in ganz Bayern in der Fastenzeit üblich, sollte in Wunsiedel auch heuer wieder die Gaudi steigen. Im übrigen Land, sogar auf dem Nockherberg in München, wo sonst die gesamte Politprominenz zum derblecken erschien, waren die Feiern bereits abgesagt. Das kam Paul bekannt vor. Darüber hatte er doch vorgestern einem Beitrag von 2051 gelesen. Da er sich darüber wunderte, erinnerte ihn Alexa und sagte: "Denke an das Murmeltier."

(Abs.4)
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Hier war jetzt zu lesen, dass der örtliche Burschenverein für das Bierfest in Wunsiedel die ausdrückliche Genehmigung zur Durchführung der Veranstaltung vom Gesundheitsamt bekommen hatte. Dabei waren aber offensichtlich schon sehr viele Menschen mit dem Corona Virus infiziert, so dass sich der Ort schnell zu einem Hotspot der Pandemie entwickelte. Trotz der absoluten Absperrung des Ortes durch Polizei und Feuerwehr (nicht die Altneuhauser), konnte die Ausbreitung auf den gesamten Landkreis Tirschenreuth nicht verhindert werden. Ein Link führte Paul zu einer Gerichtsverhandlung. Aufgrund einer Strafanzeige gegen die Verantwortlichen des Gesundheitsamtes, wurde wegen gefährlicher Körperverletzung im Amt verhandelt. Da es in der Region jedoch bis zum Ende der Pandemie - Mitte 2021 - "nur zu einer Todesrate unterhalb des bayerischen Landesdurchschnitts gekommen war", befand das Gericht einen minderschweren Fall und sah von einer Bestrafung ab.
Dieses Gerichtsurteil führte Paul über einen nächsten Link dann zu einem anderen Fall, den er sich auch mit Interesse ansah. In Windischeschenbach (wir erinnern uns; Altneuhauser und Zoigl) gab es ein Alten- und Pflegeheim der AWO. Der Leiter des Heimes fuhr in den Faschingsferien mit seiner Familie nach Südtirol in den Skiurlaub. Überhaupt war es in ganz Bayern sehr beliebt, in diesen Ferien, Ende Februar Anfang März, zum Skifahren nach Österreich und Oberitalien zu fahren. Das machten z.B. auch sämtliche Schulen mit ihren Sechs- bis Zehnklässlern. Jedes Jahr veranstalteten sie einen Skikurs. Nur hatte sich im Jahr 2020 zu jener Zeit das Corona Virus in Italien schon stark ausgebreitet. Bei den meisten Menschen traten zunächst keine oder nur sehr schwache Symtome auf, was aber nicht bedeutet, das sich das Virus nicht gerade über diese Personen weiter verbreitete.
So kehrte der Leiter des AWO Heimes am 1. März nach Hause zurück. Alle Mitglieder seiner Familie waren zunächst symtomfrei. Als am 14. März eine Person aus seinem Umfeld positiv getestet wurde, begab er sich in 'freiwillige Quarantäne'. Er selbst wurde am 18. März negativ getestet. Jedoch ein Mitglied seiner Familie war jetzt auch positiv. Trotzdem beantragte der Leiter des Heimes vom Gesundheitsamt eine Ausnahmegenehmigung, wieder im Alten- und Pflegeheim zu arbeiten. Und er bekam sie. Am 30. März dann die Meldung von 3 Toten und 54 Infizierten in diesem Heim. Zum Prozess kam es nach ca. 2 Jahren ebenfalls wegen fahrlässiger Körperverletzung mit nicht auszuschließender Totesfolge. Der Antrag der Staatsanwaltschaft lautete auf 150 Stunden freiwillige soziale Arbeit bei der Erdbeer- oder Spargelernte. Dem folgten die Richter nicht, sondern sprachen den Mann frei.

(Abs.5)
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Es gab aber auch Politiker, die ihre Überzeugungen konsequent durchsetzen wollten. Ein Beitrag des MDR (mitteldeutscher Rundfunk) aus dem April 2020 belegte dies. Darin ging es darum, wie die Sächsische Staatsregierung in der Krise mit etwaigen Quarantäneverweigerern umzugehen gedachte. Danach waren Quarantäneverweigerer Personen, die trotz gesundheitsamtlicher Anordnung, die eigene Wohnung nicht zu verlassen, im öffentlichen Raum aufgegriffen wurden. Die Sozialministerin Petra Köpping (SPD) forderte, diese Menschen in psychatrische Einrichtungen einzusperren und von der Polizei zu bewachen. Die Ministerin sah sich dabei durch das Bundesinfektionsschutzgesetz gedeckt, übersah aber, dass sich der entsprechende Paragraph 30 auf "Personen, die an Lungenpest oder an von Mensch zu Mensch übertragbarem hämorrhagischem Fieber erkrankt oder dessen verdächtig sind", bezog. Aufgrund des öffentlichen Drucks ruderte die sächsische Sozialministerin zurück. Es sollten nun doch die Psychiatrien den Kranken vorbehalten bleiben. Viele Menschen, die von der Sache gehört hatten, fühlten sich stark an frührere Zeiten erinnert. Schon unter Honecker und auch noch viel früher waren Menschen, die sich gegen den Willen des Staates verhielten, als geisteskrank weggesperrt worden und mussten große Qualen erleiden. Es galt also wachsam zu sein und darauf zu achten, dass es nicht wieder so weit kommt. Am Ende durfte es nicht heißen: "Wer nicht Sozialist ist, ist geisteskrank. Wer nicht Öko ist, ist geisteskrank."

(Abs.6)
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Paul konnte langsam verstehen, warum es für die Regierenden der nachfolgenden Zeit besser war, wenn niemand solche Einzelfälle, die ja in ihrer Summe die Unfähigkeit des ganzen Systems deutlich machten, kannte. Alexa erklärte ihm aber auch, dass er sich bewußt sein soll, dass die Ebene 2 ja 'nur' ein Modell innerhalb der Ebene 1 sei und die Menschen in der Ebene 1 daraus für sich etwas lernen wollten. Störend wirkte sich dabei aus, dass die Ebene 2 ebenfalls neue Modelle im Rahmen der KI-Forschung entwickelte. Durch eine Art Verselbständigung kam es immer wieder auf der Ebene 1 zu einer Beeinflussung. Z.B. wurden durch unkoordinierte Rücksprünge aus einer Loop-Schleife bei fehlender Adresse, häufig Abstürze verursacht. Um dieses Problem zu beheben, reichten nicht einmal die wöchtlichen automatischen Updates aus. Bisher war es Paul noch gar nicht bewußt gewesen, dass dies wohl die Ursache dafür war, wenn morgen nicht mehr galt, was heute gesagt wurde. Er selbst hatte den Spruch: "Was stört mich mein Geschwätz von gestern?", genau wie viele andere Menschen oft benutzt.
Beim Weiterblättern stießen Alexa und Paul auf einen groß angelegten Versuch, das Virus einzudämmen. Dazu sollte eine Handyapp genutzt werden, welche mittels Bluetooth Kontakte registrierte. Würde nun ein Nutzer positiv getestet, könnte er das an die Handys der anderen Nutzer mitteilen. Da die Kontakte verschlüsselt waren, mußten zumindest Apple und Google über ihre Systemschnittstellen wissen, wer die anzusprechenden Kontakte waren. Da Deutschland nach eigenen Angaben großen Wert auf Datenschutz legte, waren die verschlüsselten Daten natürlich nicht orts- bzw. personenbezogen. Darüber redete man in der Öffentlichkeit aber nur sehr verschwommen. Außerdem wollte man die Menschen in Sicherheit wiegen und erklärte die Teilnahme als freiwillig. Nicht geklärt war jedoch, was passierte, wenn die durch die App gewarnte Person sich in der Folge gar nicht testen ließ und einfach weitere Menschen infizierte? Wie sollte es möglich sein, dass eine als 'negativ' geltende Person das mit ihrem Handy nachweisen kann, wenn angeblich die Daten nach 21 Tagen gelöscht wurden. Die Bundeskanzlerin sagte dazu im Fernsehen: "Wenn sich das Testen dieser Apps jetzt als etwas Gutes ähm herausstellt, als etwas ähm Erfolgversprechendes, womit wir die Nachverfolgung von Fällen ähm der, des Kontaktes besser überprüfen können, dann würde ich unbedingt dafür sein, das zu empfehlen den Bürgerinnen und Bürgern." (wörtliches Zitat der Audiobotschaft vom 1.4.2020). Welchen Sprachkurs hatte diese Dame besucht und lebte sie schon länger hier, oder war das wieder eine der Aussagen, wie von der gleichen Person (Physikerin!) schon früher geäußert: "Das Internet ist ja für uns alle Neuland." Angeblich waren doch Aprilscherze im Zusammenhang mit Corona ausdrücklich unerwünscht. Steckte da mehr dahinter? Man beachte den Plural 'Apps' und 'womit wir die Nachverfolgung besser überprüfen können'. Wo blieb dann die Freiwilligkeit? War es nicht eine Diskriminierung, wenn bei einer Lockerung der Kontaktsperren z.B. beim Betreten eines Krankenhauses oder eines Altenheimes durch das Handy der Nachweis zu erbringen war, dass man keinen entsprechenden Kontakt hatte und dies auf dem Display durch ein entsprechendes Piktogramm angezeigt würde, etwa ein kleines gelbes Sternchen? Was wäre, wenn die Daten nach 21 Tagen gelöscht wurden oder man nicht teilgenommen hatte? Dafür wurde ein Immunitätsausweis eingeführt, der dem gelben Sternchen sinngemäß entsprach. Diejenigen, die Corona schon hatten, durften sich wieder frei bewegen und die anderen wurden vom öffentlichen Leben ausgeklammert. Angeblich, um ihr Leben zu schützen. Bei den Beratungen der Regierung über die Lockerungen der Kontaktsperren, verbot die Kanzlerin s.g. Öffnungsdiskussionsorgien. Wollte sie den Menschen damit etwa die Diskussion über die Zurückerlangung ihrer demokratischen Grundrechte verbieten? Sie zeigte jedenfalls sehr deutlich, ihr Verständnis von einem Grundbestandteil der Demokratie und befand sich dabei in völliger Übereinstimmung mit ihren früheren Äußerungen wie: "Das ist alternativlos." und "Das ist unverzeihlich und muss rückgängig gemacht werden." Bei den Menschen blieb die Skepsis gegenüber einer solchen Politik und nicht nur bei den 'Verweigerern'. Zeigte es doch die ganze Hilflosigkeit des Staates im Umgang mit einer äußerst schwierigen Situation! Klar, dass das, genau wie dieses Urteil, bei der Systemwiederherstellung gelöscht wurde, damit es bei der Wiederholung 2051 besser gemacht werden könnte. Was aber leider nicht geschah, wie der Leser bereits weiß.

(Abs.7)
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Worin sollte nun aber der Auftrag von Alexa bestehen? Das erfuhr Paul am Nachmittag von ihr.

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