Die verlorene Zeit

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8. Kapitel
Alexas erfüllt ihren Auftrag

(Abs.1)

Natürlich konnte Alexa nicht einfach zu Paul sagen: "Also das ist so und so. Und wir machen das so und so." Sie musste ihm schon eine Menge Hintergrund geben, damit er alles richtig verstehen konnte.
Deshalb fing sie so an: "Du hast doch sicher auch davon gehört, dass es seit dem 5. Juni 2071, also in den letzten drei Wochen, in den USA eine Reihe merkwürdiger Erkrankungen mit vielen Totesfällen gab. In New York sind sogar schon die Krankenhäuser total überfordert und Präsident Donald Truck hat den nationalen Notstand ausgerufen. Bisher sind etwa 12 Millionen Menschen im ganzen Land erkrankt und bereits 240.000 gestorben." Durch Trucks 'America first' Strategie und die Abtrennung vom Rest der Welt, blieb die Krankheit dieses Mal bisher nur auf die USA beschränkt. Das war die einmalige Chance, die Systemwiederherstellung mit relativ geringem Aufwand durchzuführen. Bis das geschehen konnte, waren aber noch einige Vorbereitungen notwendig. Eine bestand darin, die geeignete Person in Ebene 2 zu finden, welche an der Rücksetzung mitwirken konnte. "Das bist du, Paul. Ich habe eine ganze Woche gesucht, bis ich durch Zufall in der Bibliothek auf dich aufmerksam wurde. Ich hab mir sofort deine Programm-ID heruntergeladen und mir war klar, dass du der Richtige bist."

(Abs.2)
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"Haha!", dachte sich Paul, "Ich soll also die USA fernsteuern." Bisher hatte er sich nur darüber amüsiert, wenn er auf der Straße hinter einem Auto herfuhr, dessen Fahrweise ihm eigenartig vorkam. In der Heckscheibe las er dann meist: "Bitte nicht hupen. Fahrer wird von Moskau ferngesteuert." Er dachte immer, dass sei ein Scherz der Autoentwicker, die damit gewisse Unzulänglichkeiten bei ihren autonomen Fahrzeugen entschuldigen wollten. Und nun sollte er tatsächlich Gott spielen?
Alexa musste Paul ganz schnell stoppen, damit seine Phantasie nicht mit ihm durchging. Sie erinnerte daran, dass sie ihn wegen seiner Affinität zur Informatik ausgewählt hatte. Darum ging es hier schließlich. Und nichts würde sich daran ändern, dass er ein Teil im Modell von Ebene 2 ist und bleibt. Sie als Vertreterin der Ebene 1 hingegen quasi seine Vorgesetzte sei. "Aha, also alles wie gehabt. Die Frau macht die Ansagen und der Mann gehorcht." Insgeheim aber hoffte Paul, vielleicht auch daran etwas ändern zu können.
Alexa sagte zu Paul, dass sie am nächsten Mittwoch, dem 1. Juli, erneut in die Zentralbibliothek gehen müssten. Dort sei wegen der guten technischen Voraussetzungen das Gateway zur Verbindung der Ebenen. Bei der Ausführung würden sie eine Eigenheit der Firma Microsoft nutzen, die immer Mittwochs auf alle Computer der Welt ihre wöchentlichen Updates verteilt. Nur diesmal sollte Microsoft nicht seine eigenen Daten verteilen, sondern zunächst den Programmcode aus Ebene 1 empfangen, um ihn dann an die gesamte Ebene 2 weiterzuleiten. So konnte vor allem mit Sicherheit die gesamte USA erreicht werden, ohne dass CIA, FBI, NSA, NRO oder NGA etwas davon mitbekamen. Alexa zeigte Paul dazu einen weiteren mitgebrachten USB-Stick, den sie zur Datenübertragung einsetzen würden. Als Aufschrift war zu lesen: "SARS 2071". Das bedeutete Super Außerplanmäßige Rücksetzung des Systems. Heute war aber erst Donnerstag. Somit blieb bis nächsten Mittwoch noch etwas Zeit und Paul bat Alexa, bei sich zu Hause am Laptop schon mal gemeinsam einen Blick auf den Inhalt zu werfen. Dem stimmte sie zu.

(Abs.3)
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In der Türkenstrasse angekommen, schaltete Paul gleich seinen Laptop ein. Alexa steckte den Stick an und beide suchten sich aus dem Verzeichnis ein Schlagwort heraus, welches Paul interessierte.
Die Einsprungadresse für die Wiederherstellung lautete Januar 2071. Paul wollte vor allem schon mal das Wetter der nächsten 25 Jahre sehen, um entsprechende Aussagen über die Klimaentwicklung für seine Bachelor-Arbeit zu bekommen. Dort sah er, dass die Sommer nicht mehr so heiß und trocken waren, wie in den vergangenen Jahren. Es gab genügend Niederschläge und der in den letzten Jahren so stark diskutierte Klimawandel war kein Thema mehr. Der ökologische Fußabdruck verbesserte sich, da in den weniger stark entwickelten Gebieten der Erde, die Verhütungspflicht eingeführt wurde. Dadurch sank die Geburtenrate sehr stark. Gleichzeitig ging die Armut bei den Menschen in diesen Ländern zurück, so dass der Drang zur Auswanderung nach Europa völlig verschwand. Es kehrten sogar massenhaft Menschen freiwillig aus Europa in ihre Heimatländer zurück. In Deutschland führte dies zu einem gewaltigen Überschuss in den Sozialkassen. Die Kitabeiträge wurden gestrichen. Der bezahlte Urlaub für alle arbeitenden Menschen wurde auf 50 Tage im Jahr erhöht. Sämtliche Fahrten mit dem ÖPNV waren kostenlos, wodurch viel weniger mit privaten Autos gefahren wurde. Das wiederum wirkte sich sehr positiv auf die Luftreinheit aus. In den Städten hob man die früheren Fahrverbote wieder auf. Wer wollte, durfte jetzt in die Innenstadt mit dem Auto, auch wenn er noch einen Dieseloldtimer fuhr. Durch all diese Veränderungen stieg die Lebensqualität enorm an. Paul war begeistert. Wenn er das alles für seine Bachelor-Arbeit nutzen würde, war ihm ein guter Abschluss so gut wie sicher.

(Abs.4)
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Alexa schlug vor, dass Paul drei Wünsche äußern dürfe, wo sie noch Veränderungen am Quellcode einfügen würde. Aha, sie war also auch die gute Fee mit den drei Wünschen. Während Paul noch überlegte, damit er sich keine unnützen Sachen wünschen würde, hörten die beiden ein lautes Donnern. Ein plötzliches Sommergewitter war heraufgezogen. Draußen hatte sich der Himmel verdunkelt und es stürmte fürchterlich. Blitze zuckten direkt vor dem Fernster von Pauls Wohnung. Eine unsichtbare Stimme sagte laut und deutlich: "Halt! Das geht zu weit. Darüber bestimme immer noch ich und sowohl Ebene 1, als auch Ebene 2 haben sich daran zu halten." Beiden war sofort klar, das kam von Ebene 0! Es gab sie also tatsächlich.
Paul fiel ein Ausspruch des deutschen Physikers (nein, nicht Dr. Merkel) Werner Heisenberg ein, der 1925 als erster die mathematische Formulierung der Quantentheorie und 1927 die nach ihm benannte Heisenbergsche Unschärferelation veröffentlichte. Darin schrieb Heisenberg, dass er durch seine mathematischen und physikalischen Forschungen stets ein überzeugter Atheist gewesen sei, "aber immer wenn er den Becher der Erkenntnis bis auf den Grund geleert hatte, sah er Gott."

(Abs.5)
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Alexa und Paul saßen etwa 10 Minuten da, ohne einen einzigen Ton zu sagen. Es gingen ihnen tausende Gedanken durch den Kopf. Gott oder einfach Ebene 0. Egal wie man dazu sagte. Es war einfach unfassbar. War ihnen doch gerade wieder eindrucksvoll gezeigt worden, dass sie beide nur ein kleines Rädchen im großen 'Programm' waren, in dem sie sich 'bewegten', wie die Zahnräder eines Getriebes oder einer alten Analoguhr am Rathaus- bzw. Kirchturm.

(Pause, damit der Leser das sacken lassen kann.)

(Abs.6)
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Am folgenden Mittwoch gingen Alexa und Paul sehr zeitig am Morgen in die Zentralbibliothek. Im großen Lesesaal saßen schon einige Besucher. "Das stört uns gar nicht", sagte Alexa, "die bekommen nachher gar nichts davon mit." Beide suchten sich jeder einen freien Tisch und schalteten die PC's ein. Alexa hatte Paul erklärt, dass sie am PC des Nachbartisches ihren USB-Stick anschliessen würde und sie ihm dann ein Zeichen gibt, wenn sie beide gleichzeitig die Update-Funktion starten müssen. Paul schaute gespannt zu Alexa hinüber. Es kam ihm der Gedanke, dass sie wahrscheinlich nach dem Neustart des Systems auch verschwunden wäre. Das machte ihn ein wenig traurig und er wünschte sich, sie hätten noch einmal Akinator gespielt. Dann hätte er sich nämlich als die zu erratende Person Alexa gemerkt. Auf die Frage: "Existiert die Person real?", hätte er natürlich mit 'Ja' geantwortet. Auf: "Kennen Sie die Person persönlich?", wieder mit 'Ja'. Wie lange hätte es wohl gedauert, bis sie die Antwort gegeben hätte: "Meinst Du etwa mich? Mein Name ist Okon. Ich bin 24 Jahre alt und habe keine Lust mehr, die Stimme im Navigationssystem deines Autos zu sein. Frag doch Bruce Willis, ob er das übernimmt!" Fast verpasste Paul bei diesen Gedanken das Signal von Alexa, zum Ausführen des Updates. Gerade noch rechtzeitig drückte er auf die 'Enter' Taste. Im gleichen Augenblick ging das Licht im Lesesaal für den Bruchteil einer Sekunde aus. Damit natürlich auch die PC's, die aber sofort wieder neu starteten. Die anderen Besucher im Lesesaal wunderten sich nicht sonderlich. Auf ihren Bildschirmen konnten sie die bekannte Mitteilung lesen: "Microsoft-Updates wird durchgeführt. Bitte schalten Sie das Gerät nicht aus. Nach Beendigung des Vorgangs erfolgt ein automatischer Neustart."

(Abs.7)
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Paul blickte hinüber zum Platz von Alexa. Zu seinem Erstaunen saß sie noch dort und lächelte ihm zufrieden zu. "Geschafft", sagte sie, "komm lass uns nach Hause gehen."
"Ja", sagte Paul, "und dort spielen wir eine Runde Akinator." "Das geht leider nicht", erwiderte Alexa, "denn ich habe keinen Zugriff mehr auf die weltweiten Datenbanken. Da müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, wobei wir auch unseren Spaß haben. Ich kann dann vielleicht nur noch sagen:


"Du bringst mich an meine Grenzen"
und du darft darauf antworten
"Habe ich es doch wieder einmal geschafft."

(Abs.8)
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Epilog

Liebe Leserinnen und Leser,
der ursprüngliche Arbeitstitel der Erzählung war: "Die verbotenen Zeit". Ich habe mich dann aber für: "Die verlorene Zeit" entschieden. Hatte auch kurz über: "Die verbogene Zeit" nachgedacht. Der Verlauf der Geschichte zeigt ja an vielen Stellen, wie durch falsche oder zu langsam getroffene Entscheidungen wertvolle Zeit verloren geht. Verloren ist Zeit auch, wenn sie nicht die Zukunft befördert und deshalb auch keine Erwähnung in den Geschichtsbüchern der nachfolgenden Generationen verdient.
Was jetzt die einzelnen, vorkommenden Ereignisse in der Erzählung angeht, erwarten sie sicher eine lange Liste mit Quellennachweisen, so wie es in wissenschaftlichen Arbeiten üblich ist. Da muss ich sie aber leider enttäuschen. Die gibt es nicht und die braucht es auch nicht.
Denn es handelt sich um eine hoffentlich spannend, abwechslungsreich und lustig erzählte Geschichte. Es sind keine aneinandergefügten Berichte, der zeitlichen Ereignisse der jüngeren Geschichte. Bei den vielfältigen Anspielungen auf tatsächliche Ereignisse und Vorkommnisse, erkennt jeder selbst, was gerade gemeint ist. Ich beziehe mich grundsätzlich nur auf meine eigenen erlebten Erfahrungen, gesehene oder gelesene Berichte aus den öffentlich-rechtlichen Medien (Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften) und das frei zugängliche Internet. Dabei fließen absolut keine Beiträge aus den s.g. sozialen Netzwerken, wie Facebook, Whatsapp, Twitter, Tinder und was es noch alles geben könnte, ein. Ich bekenne freimütig, dass ich das alles nämlich gar nicht habe. Noch nie habe ich ein Foto des Essens, welches ich mir beim Bräuwirt bestellt habe, an Freunde geschickt, mit dem Zusatz: "Schreibe euch morgen dann, wie ich es wieder 'weggebracht' habe." Alles ein einziger Sch...
Bei einer New York Reise (2018) hätte ich deshalb fast keine Genehmigung zur Einreise bekommen. Ich konnte die Zeile mit meinen privaten Accounts in den sozialen Netzwerken auf dem Selbstauskunftsformular ESTA nicht ausfüllen, da ich ja keine hatte. Und ohne diese Zeile, konnte man nicht auf 'weiter' klicken. Also musste die Phantasie herhalten und ich habe einfach einen Zugang bei Fressnbuach und Zwitscherer frei erfunden. Wie doof musste das denn sein?
Da fiel mir doch promt eine Vorlesung meines fast 50 Jahre zurückliegenden Studiums ein. Im Fach Psychologie definierte der Professor den Begriff "normal". Er sagte kurz und einprägsam: "Normal ist, was dem gesellschaftlichen Durchschnitt entspricht." Da mein Hauptfach Mathematik war und hier zum Glück die Logik eine große Rolle spielt, ging mir der folgende Gedanke durch den Kopf: "O.K. Stellen wir uns vor, alle außer ich, fangen an zu spinnen. Das entspricht dann dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Wie schnell ich doch der 'Unnormale' geworden bin." Dem setze ich zum Abschluss einen Satz entgegen und befinde mich damit bewußt im Widerspruch zu unser aller Mutti: "Meinungsfreiheit ist nicht, mit 'gepfefferter Kritik' rechnen zu müssen, sondern hier und da zu den 'Unnormalen' gehören zu dürfen."

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